08.11.2019 - 13:29 Uhr
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Fallobst vom Baum der Erkenntnis

Er ist Dichter, Essayist, Übersetzer, Herausgeber, seine Zeitschrift "Kursbuch" war Kultmagazin der Studentenbewegung. Vor allem aber entzieht sich Hans Magnus Enzensberger jeder Vereinnahmung. Am 11. November, wird er 90 Jahre alt.

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger nahm 2017 in Waischenfeld (Kreis Bayreuth) an einer Podiumsdiskussion bei einem Literaturfestival anlässlich des Treffens der Autorenvereinigung Gruppe 47 teil.
von Autor SWBProfil

Der Begriff verrät es ja schon: Wer auf einem Standpunkt steht, der bewegt sich nicht. In Bewegung zu sein, war dem in Kaufbeuren geborenen und in Nürnberg aufgewachsenen Oberpostdirektors-Sohn aber stets das Erstrebenswerteste. Daher hat er das Unterwegssein ein Leben lang kultiviert, sowohl real physisch, als auch geistig intellektuell. Mit den Jahren wurde er nicht nur zu einer der prägendsten literarischen Stimmen der BRD, sondern auch Vertreter eines Intellektuellen-Typus, den man bei einem Deutschen nicht für möglich gehalten hätte: geistreich, witzig, weltoffen.

Er hatte Wohnsitze in Venedig sowie Rom und lebte längere Zeit in Norwegen. Er begleitete deutsche Bundespräsidenten zu Staatsbesuchen, etwa nach Mexiko, und ließ sich beim Weltkongress der Mathematiker sehen (sein weltweit mit 5 Millionen Exemplaren meistverkauftes Buch ist "Der Zahlenteufel", ein "Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben").

Lyrik, Theater, Essays

Er liebäugelte mit Fidel Castros Karibik-Kommunismus und versuchte in einem großen "Spiegel"-Essay Saddam Hussein als "Hitlers Wiedergänger" aussehen zu lassen. Als die dem Diktator zugeschriebenen Massenvernichtungswaffen sich als reiner "Fake" des US-Militärs herausstellten, räumte er diesen Standpunkt eben wieder. Das machte er oft. 1968 zum Beispiel proklamierte er in der Zeitschrift "Kursbuch" das Ende der Literatur ... um anschließend in schönster Regelmäßigkeit weiterhin Gedichtbände, Theaterstücke und Essays zu veröffentlichen.

"Homme de lettres"

Das tut er bis heute ... und immerhin wird Enzensberger am Montag (11. November) 90 Jahre alt. Er ist vielleicht physisch nicht mehr ganz so beweglich und sitzt größtenteils in seiner Schwabinger Altbauwohnung, geistig-intellektuell und schriftstellerisch aber ist er nach wie vor immens produktiv und ständig unterwegs.

Vor 2 Jahren nahm Enzensberger an einem rauschenden literarischen Herbstfest im fränkischen Waischenfeld teil, es galt, an die letzte Tagung der legendären "Gruppe 47" zu erinnern. Selbstverständlich war der auch als Herausgeber und Übersetzer tätige Homme de lettres einer der prägenden Wortführer dieser Werkstatt-Treffen der bundesrepublikanischen Nachkriegsliteratur. Beim Revival-"Klassentreffen" vor zwei Jahren las Enzensberger aus einem Buch, das er eigentlich nur im Privatdruck für seine eigene Familie zugänglich machen wollte. Er erzählt darin von seinen Kriegserlebnissen als blutjunger Werwolf-Soldat, ein Stück Autobiografie also, wenn man so will. Vor Jahren hatte er mal gesagt, er werde ganz bestimmt nie eine Autobiografie schreiben, schließlich wollte er ja vor allem als ein Autor luzider Essayistik angesehen und zuvörderst als Lyriker gewürdigt werden.

Als einer, der über alles Gedichte schreiben kann. Über ein philosophisches Problem, über ein Verbrechen, aber auch über ein Stück Seife und einen Eisberg; "Es ist nicht gut, / an das Gewicht / des Eisbergs zu denken. / Wem er einmal begegnet ist, / der wird seinen Anblick / schwerlich vergessen." Enzensberger gelingen solche Texte immer wieder in seinem nun schon 70 Jahre andauernden literarischen Schreiben. Und sie gelingen ihm oft genug auf eine Art und Weise, die uns Lesern "Schauer über unsere Hypothalamus jagen", wie die Schweizer Schriftstellerin Isolde Schaad in ihrem Beitrag für die Zeitschrift "du" meinte, die vor Jahren HMG ein ganzes Heft widmete, Titel: "Der Raum des Intellektuellen".

"Gedichte 1950 bis 2020"

Proben aufs Exempel lassen sich nun in gleich mehreren Publikationen machen, die zu Enzensberger rundem Geburtstag erschienen sind. Es gibt wieder eine Auswahl aus Enzensberger gesammelter Lyrik, "Gedichte 1950 bis 2020", ein "Best of", wie es schon zu seinem 85., 80. und 75. Geburtstag veröffentlicht worden war. Die mit dem Autor abgestimmte Auswahl ändert sich selbstverständlich alle 5 Jahre, denn auch was die Einschätzung der eigenen Bestleistungen betrifft, herrscht natürlich Beweglichkeit vor. Ganz neu ist der Band "Eine Experten-Revue in 89 Nummern", ein Buch, das einem Gestaltungsprinzip folgt, das Enzensberger schon mehrfach angewandt hat. Nämlich die relativ lockere, höchst subjektive, um in manchen Fällen nicht zu sagen beliebige Reihung kurzer Miniaturen unter einer bestimmten Themen-Überschrift. In dem Band "Mausoleum" porträtierte HMG auf diese Art vor Jahren in 37 Balladen mehr oder weniger berühmte Philosophen, Revolutionäre, Zauberkünstler und Erfinder, von Johannes Gutenberg bis Che Guevara.

"Überlebenskünstler"

In dem Band "Überlebenskünstler" sind es "99 Vignetten" gewesen, die allesamt Autoren des 20. Jahrhunderts kurz ins Bild nahmen, um an deren Schicksalen zu zeigen: Künstler, zumal Schriftsteller, sind keinesfalls die besseren Menschen und treiben so allerhand Opportunistisches und moralisch Fragwürdiges, um sich, ihr Leben und ihr Schreiben zu retten.

Im Band "Experten-Revue" sind es nun keine Personen, sondern Handlungen und Erfindungen des Menschen, die zeigen, wieso er vielleicht zurecht die "Krone der Schöpfung" genannt werden darf. Es sind die genialen Einfälle des menschlichen Geistes wie "Alphabet" und "Quarantäne", aber auch "Laufrad" und "Knopf", die all die offensichtlichen Defizite des Menschen wettmachen (zum Beispiel kein Fell zu haben wie viele Tiere).

Und am Tag seines Geburtstages soll ein Band ausgeliefert werden mit Titel "Fallobst: Nur ein Notizbuch", zu dessen Titel der Autor sagt: Genau so seien seine Angebote an den Leser, seine kleinen Glossen und Gedichte, seine Spintisierereien und Naturbeobachtungen: Fallobst vom Baum der Erkenntnis und wie alles Fallobst herren- und besitzerlos. Es darf aufgelesen werden von jedem, der des Weges kommt und Bedarf dafür hat. Eine gleichermaßen bescheidene wie noble Anpreisung eines Autors, der seit 70 Jahren seine Leser mit den exquisitesten Lesefrüchten beschenkt.

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