13.02.2020 - 22:10 Uhr
FriedenfelsDeutschland & Welt

Luchs aus dem Harz tötet Hauskatzen: "völlig untypisches Verhalten"

Luchs "Ivan" läuft Gefahr, den Beinamen "der Schreckliche" verpasst zu bekommen. Der Luchs aus dem Steinwald hat mehrere Hauskatzen getötet. Ein für Luchse untypisches Verhalten, sagt Sybille Wölfl, Leiterin des Luchsprojektes Bayern.

Der Harzer Luchs „Ivan“ sorgt im Steinwald für Ärger. Das 2018 aus Niedersachsen zugewanderte Tier nähert sich Bauernhöfen und hat mehrere Hauskatzen getötet.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Die Biologin leitet seit 2006 das Artenhilfsprojekt Luchs in Bayern. Eine ihrer Hauptaufgaben ist der Aufbau und die fachliche Betreuung des Netzwerks große Beutegreifer.

Sybille Wölfl.

ONETZ: Da freut man sich über den Luchs. Und dann macht sich „Ivan“ über Hauskatzen her.
Ist das typisch für den Luchs?

Sybille Wölfl: Nein. Wenn eine Katze im Wald herumstreunt, mag es passieren, dass sie Opfer eines Luchses wird. Aber in diesem Fall war es anders. "Ivan" mag da einen abgelegenen Hof ganz besonders gern und hat dort schon einige Katzen getötet, ohne sie zu fressen. Wir wollen so ein Verhalten natürlich nicht sehen. Wir kennen das von unseren Bayerischen Luchsen auch nicht. Ich habe selbst Katzen und wohne noch viel einsamer. An unserem Haus laufen Luchs, Hase, Fuchs und Marder vorbei. Da gab so etwas nie. Aber "Ivan" stammt aus dem Harz, wo das wohl häufiger vorkommt.

ONETZ: Schon sein Einstand war blutig, als er 2018 seinen Rivalen „Hotzenplotz“ getötet hat.

Sybille Wölfl: Ja, "Ivan" ist schon ein Spezialfall. Der ist nicht ohne. Rivalenkämpfe kommen vor, aber das geht nur ganz selten tödlich aus. Die Harzer unterscheiden sich auch äußerlich und genetisch von unseren Waldluchsen. "Ivan" war "Hotzenplotz" deutlich überlegen.

Bei Flossenbürg ist ein Luchs eine Fotofalle getappt

Flossenbürg

ONETZ: Wie gehen Sie jetzt vor?

Sybille Wölfl: Wir beobachten die Situation mit strengen Augen, in erster Linie die Kollegen am Landesamt für Umwelt in Hof. Fotofallen sind gestellt. Wir bitten die Leute, früh zu melden, wenn etwas auffällig ist. Wir haben vor Ort geschulte Leute vom Netzwerk große Beutegreifer. Revierleiter Carsten Klöble und Berufsjäger Jens Ullmann, beide aus Friedenfels, nehmen die Fälle auf und können Genetik nehmen.

ONETZ: Von wie viel getöteten Hauskatzen sprechen wir?

Sybille Wölfl: Die Angaben sind unterschiedlich. Im Umkreis des Hofs wurden sechs tote Katzen gefunden, bei zwei wurde über die DNA eindeutig der Luchs festgestellt. Das war er. Da braucht man nicht diskutieren.

ONETZ: Bei der Jahrestagung des „Arbeitskreis Luchs Nordbayern“ wurde die Zahl 20 genannt.

Sybille Wölfl: Ja, die Zahl kam aus dem Publikum. Aber wir brauchen mehr als Hörensagen. Wir brauchen Belege. Dann können wir Maßnahmen ergreifen.

ONETZ: Wie kann man „Ivan“ zähmen?

Sybille Wölfl: Er gehört abgeschreckt. Das wäre der erste Schritt. Das ist aber leichter gesagt als getan. Dafür muss man wissen, wo er ist. Deshalb gibt es Überlegungen, dass man ihn besendert, um ihn dann tatsächlich wegzuscheuchen. Luchse reagieren sofort, wenn man brüllt und schreit und auf sie zuläuft. Also: Besendern und vergrämen. Denkbar wäre auch Einfangen und woanders hinsetzen.

ONETZ: Und die Entnahme, also die Tötung?

Sybille Wölfl: Das wäre wirklich die allerletzte Möglichkeit, immerhin ist der Luchs eine geschützte Art. Wir müssen das beobachten. Vielleicht war es eine Episode. Er ist ja noch ein Halbstarker. Wenn er es nicht lässt, wäre es schon geraten. Er verdirbt den guten Ruf unserer Luchse.

ONETZ: Es wäre ja insofern auch schade, weil das Paar getrennt würde. Was tut „Fee“ ohne „Ivan“?

Sybille Wölfl: Die "Fee", die mag er. Da gab es jetzt ein Bild, wo sie zusammen nebenher trotten. Letztes Jahr hat es mit Nachwuchs nicht geklappt, vielleicht war er noch nicht geschlechtsreif. Jetzt ist er im dritten Lebensjahr. Vielleicht klappt's, aber vielleicht ist er auch hier ein Spezialfall.

ONETZ: Wäre das eine Chance für Luchs „B92“ aus Flossenbürg, ein Weibchen zu finden?

Sybille Wölfl: Der würde tatsächlich besser passen. Ich hoffe nach wie vor, dass der Flossenbürger Luchs aus unserer Population, der böhmischen Population stammt, und nicht auch ein Harzer Abwanderer ist.

Hintergrund:

Steinwald-Luchse

Die Luchse im Steinwald sorgen für spannende Geschichten. 2016 war „Fee“ ausgewildert worden, ein verwaistes Weibchen aus dem Bayerischen Wald. 2018 kam auf gleiche Weise Kuder (Männchen) „Hotzenplotz“ dazu. Das gemeinsame Glück war von kurzer Dauer, als „Iwan“ aufkreuzte. Der Zuwanderer aus dem Harz verletzte „Hotzenplotz“ in einem Revierkampf so schwer, dass er aufgrund der Verletzungen einging.

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