Bollhagen-Ausstellung: Halbe Wahrheit im Weidener Keramikmuseum

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Das Keramikmuseum in Weiden feiert seine Ausstellung über die Keramikkünstlerin Hedwig Bollhagen. Und verschweigt gleichzeitig eine Menge: Es geht um die Vorgeschichte des HB-Werks und Zweifel an der Urheberschaft ihrer Werke.

Werke der Keramikkünstlerin Hedwig Bollhagen sind im Weidener Keramikmuseum zu bestaunen. An der Urheberschaft von Bollhagens Stücken gibt es erhebliche Zweifel. Manches könnte von Margarete Heymann stammen. Doch diese Zweifel verschweigt die Ausstellung.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Die Schau über Hedwig Bollhagen im Internationalen Keramikmuseum Weiden hat bis Ende 2019 knapp 3000 Besucher angezogen, so viele Besucher wie zu kaum einer anderen Ausstellung in der Einrichtung. Ein Makel an der Schau sind die wenigen Informationen, die der Besucher zu Bollhagen (1907-2001) und ihrem Schaffen erhält. Zur Beziehung zu ihrer Kollegin Margarete Heymann und zum Zweifel an der Urheberschaft der Werke erfährt der Besucher nichts.

Lediglich ein Plakat nennt die wichtigsten Eckdaten zu Leben und Arbeit der Künstlerin. Dieses Plakat hängt dafür gleich zweimal in der Ausstellung. Darauf steht, dass Bollhagen 1934 ihre HB-Werkstätten in Marwitz nordwestlich von Berlin gegründet hat.

Heymann wird vergessen

Was unerwähnt bleibt: Diese Werkstätten gehörten zuvor Margarete Heymann (1899-1990), einer jüdischen Keramikkünstlerin, die am Bauhaus in Weimar studiert hatte. 1923 eröffnete sie mit ihrem Mann Gustav Loebenstein und dessen Bruder Daniel die Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik. Nach der Machtergreifung der Nazis hatte die Jüdin mit Boykotten, Hetze und restriktiver Gesetzgebung zu kämpfen. Sie wurde "gezwungen, ihren Betrieb am 1. Juli 1933 stillzulegen und ihn zehn Monate später zu einem Spottpreis von 45 000 Reichsmark zu verkaufen", wie Ulrike Müller in ihrem Buch "Bauhaus-Frauen" schreibt.

Die Autorin verweist auf eine Kollegin, die nachweisen konnte, dass der Verkauf nicht aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt war. Ein Arbeiter denunzierte Heymann, Inhaftierung drohte, sie floh nach Bornholm. Die Haël-Werkstätten sollten verkauft und wieder ein deutscher Betrieb werden. Den Zuschlag erhielt Dr. Heinrich Schild, Ökonom, NSDAP-Mitglied, Generalsekretär und Gleichschaltungsbeauftragter des Reichsstandes des deutschen Handwerks. Er setzte Hedwig Bollhagen "an die Spitze des Unternehmens", weiß Müller.

Ein weiteres Problem: Forscher vermuten, dass Werke, die Bollhagen als die ihren ausgegeben hat, u von Heymann stammen - etwa die Serie "Norma". In Weiden ist "Norma" bis zum Ende der Schau am 19. April zu bewundern. Immerhin mit dem Hinweis auf einen Entwurf Heymanns versehen.

An keiner Stelle der Schau geht das Internationale Keramikmuseum auf die Vorgeschichte der Werkstätten und auf die Zweifel zur Urheberschaft ein. Warum? Leiterin Stefanie Dietz beantwortet keine inhaltliche Fragen zur Ausstellung. Ein Pressesprecher der Stadt, Alexander Grundler, verweist auf die Neue Sammlung München, zu der die Weidener Einrichtung gehört.

Nur wer einen Blick in den Ausstellungskatalog wirft, erfährt im Kleingedruckten von der Frage nach der Urheberschaft. Dr. Josef Straßer bezieht sich in einer Fußnote auf ein Buch von Andreas Heger und urteilt, dass dieser den Vorwurf, Bollhagen habe Heymanns Entwürfe als die ihren ausgegeben, "überzeugend widerlegen" könne. Straßer ist Hauptkonservator der Neuen Sammlung und hat die Schau kuratiert. Wie genau der Gegenbeweis erfolgt, lässt er offen.

Krüge der Serie "Norma" von Hedwig Bollhagen im Internationalen Keramikmuseum Weiden. Der Entwurf dazu stammt von Margarete Heymann.

Heymann am Umsatz beteiligt?

Während das Museum in Weiden auf Schweigen setzt, gehen andere ganz offen mit den Problematiken um. Dass sich Bollhagen Stücke von Heymann wie "Norma" zueigen gemacht haben könnte, erfahren etwa Besucher des Werkbundarchivs Berlin. Im Weidener Ausstellungskatalog heißt es, dass Bollhagen Heymann am Umsatz von "Norma" bis zu deren Auswanderung 1936 beteiligt haben soll. Eine Quelle nennt Straßer nicht. Bei der Wissenschaftlerin Müller und im Katalog zur Schau "4 Bauhausmädels" - eine davon ist Heymann - 2019 in Erfurt findet man dagegen nichts dazu.

Wissenschaft uneinig

Hat Bollhagen Fremdes als ihre eigene Designerarbeit ausgegeben? Die Wissenschaft ist sich uneinig. Müller meint, "Norma" sei kein Einzelfall. "Weit über 50 Prozent der Entwürfe Bollhagens, vielleicht sogar die überwiegende Mehrheit, stammen laut der Kulturhistorikerin Ursula Hudson-Weidenmann von Heymann-Loebenstein; nicht zuletzt waren alle Formen für ihre Keramik auch nach ihrem Ausscheiden in der Fabrik verblieben. Während Bollhagen sie mit eigenem, originären Farben und Mustern dekorierte, sind die Formen selbst pures Haël", schreibt sie.

Das Paradoxe: Als Bollhagen ihr Werk in Marwitz aufbaute, haben Nazis dort eine "Schreckenskammer" eingerichtet. Das berichtet ein propagandistisch formulierter Artikel in der Zeitung "Der Angriff" von 19. Mai 1935. In der Kammer zu sehen: Stücke der Jüdin Heymann.

Artikel über die Vernissage der Bollhagen-Ausstellung in Weiden

Weiden in der Oberpfalz
Kommentar:

Mehr Informationen, bitte

Natürlich kann eine Ausstellung nie die ganze Geschichte eines Künstlers erzählen. Doch was das Weidener Keramikmuseum bei seiner Hedwig-Bollhagen-Ausstellung weglässt, wäre doch wichtig für die Rezeption der Werksstücke gewesen. Weder die Zweifel an der Urheberschaft einiger Objekte noch die Vorgeschichte der berühmten HB-Werkstätten werden erwähnt. Wer als beeindruckter Besucher ob der wenigen Informationen zu Hause eine eigene Recherche beginnt, gewinnt schnell den Eindruck, dass das Museum Teile der Geschichte unter den Teppich kehren will. Oder haben Kurator Josef Straßer und Leiterin Stefanie Dietz schlampig gearbeitet? Zur Wiedergutmachung hilft nur eins: Die nächste Ausstellung zeigt Margarete Heymann - und informiert ausführlicher.

Elisabeth Saller

Die 91-jährige Keramikerin Hedwig Bollhagen arbeitet im brandenburgischen Marwitz nördlich Berlins in ihrer Werkstatt.

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