Gewerkschaft ohne Grenzen

Als vor 30 Jahren der Eiserne Vorhang fiel, wurde der doppelköpfige Brückenheilige Nepomuk zum neuen Symbol der guten Nachbarschaft: Petr Arnican, neuer DGB-Abteilungsleiter für Grenzüberschreitende Beziehungen aus Písek, verkörpert diesen Blick in zwei Richtungen.

Der Píseker Oberpfälzer Petr Arnican blickt auf beide Seiten der Grenze.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Petr Arnican, Nachfolger von Helmut Fiedler, der im Sommer in den Ruhestand getretenen grauen Eminenz der bayerisch-böhmischen Gewerkschaftsarbeit, läuft sich nicht erst seit heuer warm für den diplomatischen Dienst im Weidener DGB-Büro: Der südböhmische Oberpfälzer aus Písek vermittelt tschechischen Arbeitnehmern in Diensten hiesiger Unternehmen seit Jahren Tipps und Tricks zum Leben und Arbeiten in Bayern. Als Rentenberater sorgt der 43-Jährige dafür, dass seine Landsleute keine Ansprüche verfallen lassen. Arnican ist die Verkörperung der westböhmisch-oberpfälzischen guten Nachbarschaft. Als neuer Abteilungsleiter für grenzüberschreitende Beziehungen will er mehr: eine europäische Aufbruchstimmung unter der Nachwende-Generation erzeugen.

Zu viele Lippenbekenntnisse

"Auf Unternehmensebene gibt es längst einen gemeinsamen Wirtschaftsraum", entwickelt Arnican seine Strategie für eine prosperierende Zukunft an der Goldenen Straße, "aber auf politischer Ebene blieben viele Sonntagsreden Lippenbekenntnisse." Dabei lehre die Praxis, wie wichtig ein koordiniertes Vorgehen auch auf gewerkschaftlicher Seite sei: "Ich sehe mich als Klammer, die Manager erzählen in Deutschland zum Teil etwas anderes als in Tschechien, man will uns gegenseitig ausspielen." Oft sei der Betriebsrat auf Fragen ausländischer Arbeitnehmer nicht genügend vorbereitet: "Man muss ihnen ihre Rechte erklären können, etwa, dass sie in beiden Ländern zum Arzt gehen können", sagt er.

In Tschechien haben viele Firmen ihren einen Hausvertrag, der auf Mindeststandards hinauslaufe: "Man orientiert sich an der Inflation und Situation der Firma, was gute Informationen aufseiten der Belegschaft voraussetzt." Dazu komme, dass die Vernetzung mit den deutschen Standorten oft ausbaufähig sei.

Aber der studierte Pädagoge geht einen Schritt weiter: "Mein Wunsch wäre, dass wir viel mehr Europäische Betriebsräte (EBR) installieren", blickt er über den Tellerrand, "Arbeitnehmer müssen sich bei den Global Playern anders organisieren." Zwar habe der EBR bisher nur das Recht auf Anhörung und Information: "Das allerdings auf Konzernebene." Arnican wünscht sich, eine bessere Akzeptanz dieser Ebene: "Oft werden sie in den Unternehmen ignoriert und informiert wird nur einmal im Jahr."

Die Intensivierung der Beziehung zu Tschechien - etwa über Kontakte zur Generalkonsulin in München - sei nicht das Ende der Fahnenstange: "Tschechien wird nicht mehr als Billiglohnland gesehen, obwohl das Lohngefälle immer noch im Schnitt bei 1:3 liegt." Der Interregionale Gewerkschaftsrat Bayern-Böhmen (IGR BoBa), für dessen Präsidium Arnican 2020 kandidiert, koordiniert die Zusammenarbeit zwischen Bayern und Böhmen, der IGR TiSOBa vermittelt zwischen Tirol, Salzburg, Oberösterreich und Bayern. Arnican sucht aber auch einen Draht zur Slowakei, Slowenien und den Balkanstaaten.

Von Österreich lernen

Manche Themen kann man nur politisch anstoßen, deshalb pflegt er zusammen mit dem bayerischen DGB-Boss Matthias Jena Kontakte zum ÖGB in Wien, wo man noch was lernen könne: "Die Tarifbindung in Bayern liegt bei 56 Prozent, in Österreich bei 99 Prozent, da haben wir noch viel Luft nach oben."

Hoffnung setzt Arnican in den Nachwuchs: "Ich habe gerade ein Jugendseminar in Prag mit Vertretern der DGB-Jugend und der tschechischen Seite organisiert." Die rund 30 jungen Gewerkschafter wollen neue Wege aufzeigen, wie man sich gegenseitig grenzenlos unterstützen kann: "Wir haben uns mit den unterschiedlichen Strukturen in Europa auseinandergesetzt - das Ziel ist die Harmonisierung der europäischen Gewerkschaften. Daran will die junge deutsch-tschechische Truppe mitwirken.

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