10.10.2019 - 17:03 Uhr
AmbergOberpfalz

Coming-Out-Day: Johannas Weg zum wahren Ich

Johanna (26) aus Amberg ist etwas Besonderes, obwohl sie das eigentlich nicht sein will: In ihrer Geburtsurkunde stand bis vor kurzem noch, dass sie männlich ist. Über ihren Weg zur Transfrau spricht sie zum Coming-Out-Day.

Beim ersten Christopher Street Day in Amberg im August sind gut 500 Menschen in Regenbogenfarben für Toleranz auf die Straße gegangen.
von Theresia KasparProfil

Mit ihren langen braunen Haaren und mit einem grauen Kapuzenpulli bekleidet, wirkt Johanna sehr unscheinbar. Sie möchte nicht auffallen und als normale Ambergerin wahrgenommen werden. Die junge Frau wusste schon mit zwölf Jahren, dass mit ihr etwas anders ist. Als sie noch dieser schüchterne Junge war, dessen Pubertät gerade erst begann, versuchte sie, es zu leugnen. Erst einige Jahre später gestand sie sich ein, was los war. Mit 23 ging sie an die Öffentlichkeit und erklärte, dass sie nicht weiter als Mann leben will. Zu diesem Zeitpunkt lebte die Ambergerin seit vier Jahren in einer festen und innigen Partnerschaft. Ihre Freundin war die Erste, mit der sie darüber geredet hat.

„Es war viel für sie, als ich beichtete, dass ich in Wahrheit kein Mann bin. Aber wir sind zusammengeblieben“, erzählt Johanna. Schritt für Schritt tastete sie sich an ihr wahres Ich heran. Erst trug sie nur zu Hause Damenkleidung. Immer mehr Menschen in ihrem Umfeld vertraute sie an, wer sie wirklich ist. Der Vater distanzierte sich. Die Mutter hingegen hat es sofort akzeptiert. Möglicherweise, weil sie selbst in ihrer Jugend eine Transperson kennengelernt hat.

Als Frau inkompetent

Der erste Schritt ihres langen Weges war getan. Um sich zu schützen, nahm sie dann aber einen Umweg. In der Metallwerkstatt, in der Johanna angestellt war, hielt sie ihr wahres Wesen geheim. Sie fürchtete um ihre Zukunft. „Ich wusste, in diesem bayerisch-konservativem Umfeld nimmt das kein gutes Ende.“ Also kündigte sie.

"Anfangs, als schüchterner Junge, habe ich es versteckt. Doch es hat sich falsch angefühlt", erinnert sich Johanna.

Die Konsequenz war eine frustrierende Suche nach einer neuen Arbeit. Sie versuchte, sich treu zu bleiben und stellte sich immer mit ihrer neuen, richtigen Identität vor. Warum in ihren Ausweisdokumenten ein männlicher Vorname stand, erklärte sie stets offen. Dennoch wollte es nirgends klappen. Letztendlich trug ihr Vater dazu bei, einen Ferienjob in einem großen Verarbeitungsbetrieb in der Gegend zu bekommen. Der Preis dafür: Johanna verheimlichte sich erneut und gab sich als Junge aus.

Amberg

Heute studiert die junge Frau an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) in Amberg Erneuerbare Energien und möchte irgendwann als Ingenieurin arbeiten. Das Umfeld an der Hochschule sei allgemein toleranter, meint sie. Auf die Frage, was ihr denn aus der Perspektive beider Geschlechter aufgefallen sei, antwortet sie, dass man als Frau weniger ernst genommen werde.

„Ich fahre gern Motorrad und bastle auch gern daran herum. Als ich in einer Werkstatt einmal etwas nachgefragt habe, wurde mir abgeraten, selbst daran herumzuschrauben. Man unterstellte mir, nur Unsinn damit zu machen. Obwohl ich bereits mehrfach erfolgreich Reparaturen durchgeführt habe.” Darüber ärgert sich Johanna. Sie hat den Eindruck, die Kompetenz von Frauen wird im Allgemeinen eher angezweifelt. Seit sie nicht mehr als Mann auftrete, werde sie häufiger hinterfragt.

Die Bildergalerie zur Premiere des CSD in Amberg

Seit 2017 ist Johanna ganz offiziell ihr bürgerlicher Name. Das viel diskutierte Transsexuellengesetz ermöglicht es sogar, die Geburtsurkunde rückwirkend zu ändern. Bis sie ihren neuen Ausweis in Händen hielt, dauerte es vier Monate. Die Kosten beliefen sich auf rund 1500 Euro, die sie sich mühsam zusammengespart hat. „Die unnötigen Sitzungen mit den Psychologen haben jeweils rund drei Stunden gedauert. Sie haben mich beispielsweise dazu befragt, mit was ich als Kind gespielt habe oder wann die Gedanken zum ersten Mal aufkamen. Ich hatte Angst, weil diese Menschen über mein Schicksal urteilen konnten.“

Endlich authentisch leben

Es hat sich dennoch gelohnt. Vom zuständigen Amtsgericht Nürnberg erging ein rechtskräftiger Beschluss, mit dem sie sich nun an die Behörden in Amberg wenden konnte. Diese machten keinerlei Schwierigkeiten. Zwar waren die Beamten beim Einwohnermeldeamt kurz überfordert, änderten dann aber anstandslos den Personenstand und Vornamen. Mit einem Lächeln beschreibt Johanna: „Als mir der Ausweis ausgehändigt wurde, hat es sich einfach nur fantastisch angefühlt.“

„Ich selbst bin durch den ganzen Prozess empathischer geworden. Vor dem Outing war ich depressiv und hatte Angst vor der Welt, weil ich anders war. Die eigene Existenz ist etwas Politisches und andere Menschen debattieren darüber, wie man uns behandeln soll.“ Deshalb findet sie auch Sichtbarkeit so wichtig. Ihr selbst hat es geholfen, zu sehen, wie offen andere Transpersonen ihr Leben nach deren Fasson gelebt haben.

Amberg

Das wünschte sie sich auch immer für sich selbst. Wenn Menschen neugierig auf sie zugehen und nachfragen, wie es so ist als Transfrau, gibt sie gerne Auskunft. Oft genug werden ihr aber auch beleidigende Kommentare an den Kopf geworfen. Vor allem, wenn sie nachts durch die Innenstadt nach Hause läuft, muss sie sich Sprüchen und Gelächter aussetzen.

Der Blick in den Spiegel und das verbundene Gefühl, authentisch zu leben, geben ihr Kraft. Sie möchte mit ihrem Outing Vorurteile abbauen und Leuten zeigen: Transpersonen existieren. „Viele von uns leben ihren Alltag, ohne dass es jemand anderem auffällt. Ich bin mir sicher, jeder Amberger ist einer Transfrau oder einem Transmann schon mal unbewusst begegnet. Sie würden es nicht merken, wenn sie an der Supermarktkasse vor einem stehen.“

Info:

Seit fast 30 Jahren sind am 11. Oktober Lesben, Schwule und Transgender dazu aufgerufen, sich öffentlich zu bekennen. Auch in Amberg wagen immer mehr Menschen den Schritt in die Sichtbarkeit. Erst Ende August veranstaltete die Organisation Kunterbunt den ersten Christopher Street Day in der Vilsstadt. Dabei fiel das Fazit durchweg positiv aus. Sowohl Polizei, als auch die Organisatoren waren sehr zufrieden mit dem Straßenfest. Gut 500 Personen nahmen laut Schätzungen an dem Umzug teil.

„Wenn man sich die Bilder im Nachhinein ansieht, zeigt es uns, dass wir alles richtig gemacht haben“, resümiert Phillip Pietsch. Er war ein Initiator des Umzugs und hat mit weiteren jungen Leuten die Jugendgruppe Kunterbunt ins Leben gerufen. Der 19-Jährige ist in Amberg geboren, wohnt aber aufgrund des Studiums derzeit in München. Er selbst ist homosexuell. In der Szene gebe es einige Unterschiede zwischen der bayerischen Hauptstadt und seiner Heimat. München sei generell offener. „In Amberg habe ich oft das Gefühl, Menschen verhalten sich zurückhaltender, wenn sie von meiner sexuellen Orientierung erfahren.” Er unterteilt Homophobie in zwei Bereiche. Da gebe es zum einen „die Homohasser, die queere Menschen entwürdigen wollen“ und Leute „die immer Angst haben, was es für ein Licht auf sie selbst wirft, wenn sich beispielsweise das eigene Kind outet“. In Großstädten ist Letzteres weniger der Fall, da es dort „offener ausgelebt wird und als normal gilt“, so Pietsch.

Er wünscht sich von der Stadt Amberg generell mehr Unterstützung. Als Beispiel nennt er den Bau eines Jugendzentrums, in dem Räume zur Verfügung gestellt werden könnten, oder eine Bildungskampagne an Schulen. Zwar gab es diese in der Vergangenheit bereits, allerdings haben sie die Plakate aus eigener Tasche zahlen müssen.

„Ich habe mich bekannt, um anderen Menschen in ähnlicher Lage das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine sind. Man sollte Menschen informieren, weil es einem selbst die Einsamkeit nehmen kann. Man lügt sich sonst selbst in die Tasche und versteckt sich vor der Wahrheit“, erläutert Pietsch. Tatsächlich zeigen Studien, dass diese Selbstverleugnung fatale Folgen hat: Lesben, Schwule und Bisexuelle haben eine 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, an Depressionen oder Angststörungen zu leiden als heterosexuelle Menschen. Zwar wird ein Outing von den Betroffenen als Befreiung wahrgenommen, doch selbst danach sind die genannten Gefahren überdurchschnittlich hoch. Der öffentliche Druck und gesellschaftliche Diskriminierung sind auch heutzutage noch nicht ausgerottet.

Genau deshalb wurde die Jugendgruppe Kunterbunt gegründet. „LGBTQ+“-Menschen aus Amberg wird hier die Gelegenheit gegeben, sich zu vernetzen. „Außerdem möchten wir die Bevölkerung über queere Themen aufklären. Auch Angehörige oder Leute, die einfach nur neugierig sind, finden Infos und Hilfe auf unserer Homepage. Dort können sie sich an Kontaktpersonen wenden, die viel Erfahrung in den Themenbereichen haben“, sagt Pietsch.

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