24.01.2020 - 09:55 Uhr
AmbergOberpfalz

Essen aus dem Müll: Lebensmittel-Retter aus Amberg

Im Schutz der Dunkelheit holen sie Lebensmittel aus Mülltonnen. Dort finden sie nicht nur Essbares, sondern auch die Ausmaße der Lebensmittelverschwendung. Zwei Ambergerinnen haben eine legale Lösung gefunden, Lebensmittel zu retten.

von Kathrin Moch Kontakt Profil

Es ist stockfinster als Anna und Lisa nach einer Party vor dem Liefereingang eines großen Supermarktes in Amberg stehen. Große blaue Mülltonnen reihen sich nebeneinander auf. Schon lange hat Anna darüber nachgedacht, ob sie es wirklich machen will - Containern. Mülltauchen. Oder einfach gesagt: Lebensmittel aus den Mülltonnen von Supermärkten fischen, die noch gar nicht kaputt sind. Plötzlich erhellt blaues Licht den Nachthimmel, eine Polizeistreife fährt vorbei. Anna und Lisa verstecken sich im Schutz der Dunkelheit, das Herz schlägt ihnen bis zum Hals. Denn: Containern ist in Deutschland strafbar. Mutig öffnet Anna danach die Tonne. Was sie dort entdeckt, zieht ihr den Boden unter den Füßen weg: Essbares in Hülle und Fülle. Einen ganzen Kofferraum voller unverdorbener Lebensmittel nehmen die beiden jungen Frauen an diesem Abend mit nach Hause. Mit im Gepäck ein Entschluss: Sie wollen Lebensmittel vor der Mülltonne retten ohne gegen das Gesetz zu verstoßen.

Containern ist Diebstahl

Lebensmittel aus Mülltonnen zu holen ist nach deutscher Rechtslage schwerer Diebstahl. Denn auch Abfall ist Besitz des Supermarktes bis er von der Müllabfuhr abgeholt wird. Dann wiederum gehört er der Entsorgungsgesellschaft. Das ist auch der Grund warum Anna und Lisa ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, zu groß ist die Angst vor rechtlichen Konsequenzen. Trotzdem teilen sie ihre Geschichte mit Oberpfalz-Medien, denn "nur mit genügend Aufmerksamkeit kann sich langfristig etwas an der Verschwendung der Supermärkte ändern", sagt Anna. Ihre erste Erfahrung beim Containern liegt mittlerweile zwei Jahre zurück. Die 36-Jährige erinnert sich: "Am nächsten Morgen staunten meine Kinder nicht schlecht über unsere Ausbeute. Woher ich die Lebensmittel hatte, verschwieg ich ihnen beim ersten Mal." Ein Knackpunkt: "Ich wollte sie nicht anlügen müssen, obwohl ich eigentlich etwas Gutes getan hatte." Auch heute kann sie die gängige Praxis der Lebensmittelmärkte nicht verstehen: "Es ist so unfassbar, wie viel Essen dort im Müll landet. Ich find's einfach nicht gut Lebensmittel wegzuschmeißen, die noch total in Ordnung sind."

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Legale Lösung in Sicht

Mittlerweile hat sich die Situation in Amberg zum Containern verschlechtert: "Fast alle Supermärkte sperren ihre Mülltonnen nach Ladenschluss ab. Praktisch nichts ist mehr zugänglich." Verstehen könne die Ambergerin es schon. Nicht alle gehen sorgsam und sauber mit den Lebensmitteln um und hinterließen oft ein Chaos. In der Amberger Container-Szene tummeln sich vor allem Studenten, die Verschwendung ablehnen und nachhaltig leben möchten. Die finanzielle Ersparnis sei für sie ein "positiver Nebeneffekt". Andernorts gebe es auch Menschen, die aus finanzieller Not heraus im Müll wühlen. Für die 36-Jährige ein absolutes Tabu: "Es sollte niemand in Deutschland etwas Essbares aus dem Müll fischen müssen." 2017 gehen die beiden Frauen deshalb einen offensiven Weg: Sie fragen bei Jörg Kunert, Marktleiter vom Edeka Center in der Welserstraße, nach einer legalen Möglichkeit die Lebensmittel zu retten. Und sie haben Erfolg. Kunert erklärt sich bereit etwas auszuhandeln. "Eigentlich findet das doch kein Supermarktleiter gut, wenn er etliche Lebensmittel wegwerfen muss", sagt Anna.

Lebensmittel wegwerfen verboten

In Frankreich wird den Händlern diese Entscheidung schon seit 2015 abgenommen: Als erstes Land weltweit stellte Frankreich das Wegwerfen von Lebensmitteln unter Strafe. Supermärkte sind dort gesetzlich dazu verpflichtet, Lebensmittel, die das Haltbarkeitsdatum überschreiten oder nicht verkauft werden konnten, zu spenden. Dort gingen die Supermärkte zuvor noch radikaler gegen die Mülltaucher vor: Die Lebensmittel in den Tonnen wurden häufig mit "Eau de Javel", einer chlorhaltigen Chemikalie, überschüttet. In Deutschland gibt es so ein Gesetz nicht. Erst vor Kurzem wurden zwei Studentinnen am Amtsgericht Fürstenfeldbruck wegen des Diebstahls beim Containern schuldig gesprochen. Das Bayerische Oberste Landgericht bestätigte das Urteil. Jetzt ziehen die Studentinnen vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

Haftungsfrage entscheidend

Ihre legale Lösung Lebensmittel zu retten, halten Anna und Lisa seit mittlerweile zwei Jahren am Leben. Grundlage der Vereinbarung zwischen den Frauen und Jörg Kunert ist ein Vertrag, bei dem die Haftung automatisch auf die Abnehmer übergeht. Kunert erklärt: "Ich finde das ist eine super Sache. Für uns ist der Haftungsausschluss aber wichtig, denn wir haben dann keine Kontrolle mehr über die Lebensmittel." Jeden Samstag nach Ladenschluss dürfen Anna und Lisa die übrig gebliebenen Lebensmittel abholen. Wichtig ist den Ambergerinnen, dass sie keine Konkurrenz für die Tafel sein wollen: "Wir nehmen nur mit, was zu 100 Prozent an diesem Abend im Müll landen würde."

Immer wieder samstags

Wie jeden Samstagnachmittag warten Anna und Lisa deshalb vor dem Liefereingang beim E-Center Kunert. Es öffnet ihnen einen kleine Frau mit Brille und dunklen Locken die schwere Tür und bittet sie herein. Sie zeigt auf eine Palette mit grünen Kisten, die voll mit Lebensmitteln sind. Lisa holt noch zwei Körbe aus dem Kühlraum. Dann geht alles ganz schnell. Jeder Handgriff sitzt, als Anna und Lisa die Palette vor die Tür fahren und abstapeln. 16 Kisten sind es heute. Vor Feiertagen ist es immer besonders schlimm, erklärt Lisa. Oft sind es doppelt so viele Behälter. "Wir entfernen jetzt noch so viel von den Verpackungen wie möglich, damit wir sie nicht mit nach Hause nehmen müssen", sagt Lisa. Im Eiltempo sortieren die beiden Frauen verdorbene Lebensmittel aus und befreien Äpfel, Birnen, Paprika und Salat von ihren Plastikverpackungen. Gleiches wird jeweils in eine Kiste gepackt. Eine mit Bananen, zwei mit Äpfeln, etliche Kisten Gemüse, eine mit Brot, zwei mit Milchprodukten. Dazwischen Kräutersträucher und Blumen. "Gut, dass heute wieder mal etwas mehr Gemüse dabei ist", freut sich Lisa.

Zuhause geht die Stapelei weiter. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen und die beiden beeilen sich, die Kisten vom Auto unter das Carport zu tragen. Als sie fertig sind, hat sich der Hinterhof in einen kleinen Supermarkt verwandelt. In der Mitte ein Weg, rechts und links davon Kisten mit Lebensmitteln. Oft mit kleinen Schönheitsfehlern oder abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum, aber sonst einwandfrei. "Das ist eigentlich Wahnsinn. Die Ware liegt zwei Stunden zuvor noch im Laden und soll dann eins zu eins in der Tonne landen", sagt Anna. Eine Kuriosität: "Es ist fast immer eine aufgerissene Packung Katzenstreu dabei." Zwischen 50 und 200 Euro, schätzt Kunert, ist die Ladung in etwa wert. Er erklärt: "Wir bemühen uns die Verschwendung in Grenzen zu halten und haben viele technische Hilfsmittel, die es uns ermöglichen, genau zu planen. Trotzdem ist es natürlich schade, wenn Produkte vernichtet werden müssen, in die die Erzeuger viel Liebe gesteckt haben." Insgesamt sind es etwa 30 Freunde, unter denen die beiden Frauen die Lebensmittel aufteilen. Jeder, der etwas abholt, muss ebenfalls einen Haftungsausschluss unterschreiben.

Kurz vorm Scheitern

Doch die Organisation bedeutet einen enormen Aufwand. Ein weiterer Grund weshalb die Frauen anonym bleiben wollen, wie Anna erklärt: "Die ganze Aktion ist ein Selbstläufer. Man muss nur aufpassen, dass es sich nicht verselbstständigt. Wir wollen es im kleinen Rahmen halten, mehr können wir einfach nicht stemmen." Ein halbes Jahr nachdem die beiden mit der legalen Lebensmittelrettung begonnen haben, entwickelte sich ein großer Andrang und damit auch die Probleme, sagt Anna: "Wir machen das von meinem Haus aus. Die Leute haben bei den Nachbarn geklingelt, wir sind der Sache beinahe nicht mehr Herr geworden. Aber das Projekt darf nicht scheitern, dafür ist es zu wichtig." Deshalb bleiben die Freunde ab jetzt unter sich und retten die Lebensmittel im überschaubaren Kreis.

Konzern oft das Problem

Anna möchte mit der Aktion ein Vorbild für andere sein: "Das ist ein einziger Supermarkt im ganzen Landkreis, einmal in der Woche. Wenn mehr Leute sich engagieren würden, könnte man wirklich etwas bewegen." Bequemlichkeit und die Angst vor weniger Umsatz, hält Anna für die wahrscheinlichsten Gründe, warum es nur wenige Aktionen dieser Art gibt.

Kunert meint: "Ich kann mir vorstellen, dass oft die Zentrale oder der Konzern das verbietet. Wir bei Edeka sind selbstständige Kaufleute, die für sich selbst verantwortlich sind." Gerade am Anfang musste sich Anna auch für ihre Idee rechtfertigen: "Zum Glück hat sich das anfängliche Unverständnis, dass wir quasi Essen aus dem Müll holen, mittlerweile in Anerkennung gewandelt." Für die Zukunft wünscht sich die Ambergerin vor allem eins: "Dass niemand mehr im Müll wühlen muss, um nachhaltig zu leben."

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