10.12.2019 - 17:34 Uhr
AmbergOberpfalz

Unfall mit zwei Toten in Amberg: Epileptischer Anfall als Auslöser

Der Mann weiß, dass er Epilepsie hat. Er hat bereits mehrere Unfälle verursacht, als am 26. November 2016 die Katastrophe ihren Lauf nimmt: Der Wagen des 65-Jährigen überquert den Kreisel beim Katharinenfriedhof und tötet zwei Menschen.

Am Tag nach dem tödlichen Unfall legten Trauernde Blumen am Ort des Geschehens nieder.
von Autor HWOProfil

Vor dem souverän verhandelnden Amtsgerichtsdirektor Ludwig Stich haben sich nach den drei Jahre dauernden Ermittlungen Aspekte ergeben, die das Unglücksgeschehen in allen seinen Konturen endlich deutlich machen. Auf der Anklagebank sitzt ein 68 Jahre alter Rentner, der seinen Anwalt Christian Meisl (Regensburg) reden lässt. In der Erklärung des Verteidigers war zunächst von "tiefem Bedauern" die Rede.

Amberg

Dann folgte ein Paukenschlag: "Ich erlitt offenbar einen Anfall", ließ der Beschuldigte mitteilen. Die Epilepsie begann offenbar schon vor etlichen Jahren. Was folgte, waren ärztliche Behandlungen, Medikamenten-Verordnungen und Klinikaufenthalte. In seiner Anklageschrift hatte der Leitende Oberstaatsanwalt Joachim Diesch in einem Nebensatz darauf verwiesen, dass von medizinischer Seite der Rat an den Mann erfolgt sei, keine Fahrzeuge zu führen. Er tat es dennoch und kam durch von ihm verursachte Unfälle 2009, 2010 und 2012 ins Visier der Polizei. Weil er, wie zu vernehmen war, "einen verwirrten Eindruck machte".

Nach einer Karambolage an der Hockermühlstraße im Jahr 2012 gab die Polizei einen Hinweis an die Führerscheinstelle der Stadt. Der Mann wurde zu einem verkehrsmedizinisch geschulten Internisten geschickt, der wohl kardiologische Verdachtsmomente in den Vordergrund stellte. Nach dem Gutachten konnte der heute 68-Jährige seinen Führerschein behalten. Von Epilepsie war zu dieser Zeit keine Rede - obwohl dieses tückische Leiden sehr wohl in den Unterlagen anderer Ärzte stand. Doch davon wusste die Führerscheinstelle nichts. Der Angeklagte selbst verschwieg es.

Der nächste Unfall war irgendwie programmiert. Am Samstag, 26. November 2016, brach der Rentner mit seiner Ehefrau von seiner Wohnung aus zu einer Fahrt in die Innenstadt auf. Um 10.36 Uhr kam das Fahrzeug auf der Katharinenfriedhofstraße daher. Plötzlich stellte sich ein epileptischer Anfall beim Fahrer ein. Mit unvorstellbaren Folgen.

Onetz-Bericht über den Unfall im November 2016

Der Pkw nahm zunehmend raschere Fahrt auf, er rammte anschließend nach Darlegungen eines Unfall-Analytikers mit rund 90 Kilometern pro Stunde ein vorausfahrendes Auto am Heck. Der VW Polo wurde nach vorn katapultiert und landete in der Breitseite eines VW Passat, dessen Fahrerin am Kreisverkehr angehalten hatte. Sie leidet bis heute an den traumatischen Folgen. Das aber war erst der Beginn eines schicksalhaften Geschehens: Noch immer außer Kontrolle, überquerte das führerlose Fahrzeug die Mittelinsel des Kreisels, schoss auf das Gebäude des Fernsehsenders OTV zu und erfasste zwei Senioren, die dort gerade des Weges kamen: Einen 81-Jährigen, der sein Fahrrad schob, und eine 83 Jahre alte Rentnerin, die an einem Rollator ging. Sie starben noch am Unglücksort. Augenblicke darauf krachte der Wagen an die Außenmauer. Sie stürzte teilweise ein.

Am ersten Prozesstag vernahm Richter Stich nahezu zwei Dutzend Zeugen. Menschen, die sofort Erste Hilfe leisteten, und Beamte, die zum Unfallgeschehen ermittelten. Es kamen aber auch Leute, die zu vorangegangenen Unfällen des 68-Jährigen etwas sagen konnten. Daraus formte sich der Eindruck: Da war einer unterwegs, der sehr genau wusste, dass er nicht hinter einem Lenkrad hätte sitzen dürfen.

Zu den Zeugen zählte auch die Ehefrau des Beschuldigten. Sie sagte aus und ließ erkennen, dass es eine Epilepsie bei ihrem Mann gab. Ausgelöst womöglich durch eine bereits 1976 erfolgte Operation einer Zyste im Kopf. "Aber er hat immer seine Medikamente genommen". Der Prozess wird am Dienstag, 17. Dezember, vor dem Amberger Amtsgericht fortgesetzt.

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