19.02.2020 - 11:33 Uhr
EschenbachOberpfalz

Fasching in Eschenbach von 1880 bis heute: Einst für 50 Pfennige zum Faschingsball

„Krapfn“ und „Keichla“, Schmalzgebäck mit wenig Eiern - im Winter legen die Hühner nicht oder nur wenig -, waren schon früher Brauch im Fasching. Seit 140 Jahren ist närrisches Vergnügen für Eschenbach dokumentiert.

von Externer BeitragProfil

2005 war für die jungen Einwohner der Rußweiherstadt im Fasching anscheinend wieder mal nichts los. Denn im März trafen sich „einige mutige, gleichzeitig Verrückte" am Vereinsheim der "Pilots", um für 2006 einen Faschingszug vorzubereiten. Die Interessengemeinschaft ließ sich 2009 als Eschenbacher Faschingsgesellschaft (EFG) ins Vereinsregister eintragen. Ihre Initiative war von Erfolg gekrönt: 58 Gruppen mit 1900 Beteiligten gingen 2006 im ersten Faschingszug nach langer Zeit mit.

Inzwischen gehören die Aktionen der EFG, die dem „traditionellen Brauchtum einschließlich des Karnevals, der Fastnacht und dem Fasching verpflichtet“ sind, von November bis Aschermittwoch zum Stadtgeschehen. Manche mögen kritisieren, dass hier eher das rheinische Brauchtum neu in die Oberpfalz verpflanzt wurde. Aber ganz so neu ist das nicht, denn schon „früher“ - es muss vor 1939 gewesen sein – wurde in Eschenbach ein "Karnevalsprinz" gewählt. Auch Ordensverleihungen gab es. Übernahmen des Rathauses durch die Narren waren in der Oberpfalz schon im 16. und 17. Jahrhundert bekannt.

1880, vor 140 Jahren, muss die Lage ähnlich gewesen sein: Jugendliche waren - wie so oft - der Meinung, dass in Eschenbach zu wenig los sei. Also setzten sie sich zusammen und gründeten einen Verein: Der „Frohsinn“ sollte über regelmäßige Stammtische hinaus einen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben leisten. Für Fasching hieß das: Bälle, Abende mit lustigen Einaktern, aber auch ein Faschingsumzug.

Abendveranstaltungen im Februar waren damals schwierig, da erst um 1916 elektrisches Licht zur Verfügung stand. Ob stinkende Petroleumlampen oder Kerzen aus Talg beim Ball verwendet wurden, steht nicht in den Akten. Aber eine Tanzkapelle hatte man: die Kapelle Schreml. Max, Bartl, Christian, Johann und Josef Schreml spielten zusammen mit Josef Grosch und Johann Böllath auf.

Ab 1881 fanden Faschingsbälle im Gasthof "Zur Krone“, im Gasthof "Zum Anker“, im Gasthof Schreglmann, im Gasthof Grafberger oder auch im Gasthof "Zum Löwen“ auf. Der „Höller“ baute extra einen neuen Tanzsaal. Das gediegenere Bürgertum traf sich bei den Bällen des Veteranen- und Kriegervereins.

Erst 1885 traute der „Frohsinn“ sich, den ersten Faschingszug in Eschenbach zu veranstalten (siehe Infokasten). Wie damals in vielen Oberpfälzer Städten wählte man als Motto "Alle Nationen". Da konnten die Faschingsfreunde als Chinese, Indianer, Cowboy oder Schwarzhäutiger mitmarschieren.

1907 gab es die ersten Genehmigungen für maskierte Tanzkränzchen im Bezirksamt. Die ersten Veranstaltungen dieser Art fanden im Lager Grafenwöhr statt, ehe sie sich auch auf kleinere Lokale ausbreiteten. Erst 1910 wird wieder von einem Faschingsumzug in Eschenbach berichtet. Diesmal gab es ein stadtpolitisches Thema: "Die Elektrizität in Eschenbach". Man machte sich dabei über die umständlichen Bemühungen des Magistrats lustig. „Lampions“ ersetzten die fehlende Straßenbeleuchtung.

„Wiener Bretzen“ gab es schon 1880 und bis in die 1970er Jahre hinein - und zwar nur zur Faschingszeit. „Wei Bretzen“ waren gesotten, nicht gebacken; denn im Geschäft konnte man früher nicht aufbacken. Das Salz auf den Bretzen zog im Sommer Feuchtigkeit und machte sie „lätschert“.

1914 wurden im Bezirksamt Kemnath, Tirschenreuth und Eschenbach die maskierten Kaffekränzchen verboten, weil sie vor allem von Frauen besucht wurden, die nachmittags erst zusammen tanzten, bis dann die Männer dazu stießen. Die Frauen würden durch diese Veranstaltungen von ihrer eigentlichen Berufung abgehalten, sich um den Haushalt zu kümmern und für die Kinder da zu sein, meinte der Bezirksamtmann zur Begründung.

Dann kamen der Erste Weltkrieg, der Versailler Vertrag und die Inflation 1923 - wahrlich keine Zeit für Faschingveranstaltungen. Es gab zwar Tanzvergnügungen für die heimgekehrten "Krieger", aber ohne Maskerade. Der Erlös war meist für die Opfer des Kriegs geplant.

1922 schlug das Bezirksamt vor, Luftschlangen und Konfetti zu verbieten. Bälle genehmigte es selten - und wenn, dann zu Preisen, die die Inflation widerspiegelten: Am 2. Januar 1923 verlangte das Bezirksamt 300 Mark, am 10. Januar schon 3000 Mark, am 16. August 200 000 Markt, ehe dann im September 40 Goldmark fällig wurden. 1913 hatte der Spaß noch 75 Pfennig gekostet. Das Geld floß in die Armenkassen der Gemeinden, ab 1933 ins Winterhilfswerk.

Bis zur neuen Wirtschaftskrise gab es nur ein kurzes Zeitfenster. Die „Golden Twenties“ umfassten nur die Zeit von 1926 bis zum „Black Friday“ im Herbst 1929. In Eschenbach scheint sich die Entwicklung aber noch nicht gleich ausgewirkt zu haben, denn 1930 veranstaltete der „Frohsinn“ vier Faschingskränzchen und einen Ball am Faschingsdienstag. Die Kapelle Schreml bekam für die Musik beim Ball 50 Mark, der Eintritt für Mitglieder betrug 50 Pfennig. 1930 war auch das große Heimatfest in Eschenbach. Ermutigt durch den großen Erfolg gab es 1931 wieder einen Faschingszug, den der "Frohsinn“ organisierte. Zwei Jahre später wurde der Verein von den Nazis gleichgeschaltet.

Wie der Fasching von 1933 bis 1939 genau aussah, ist nicht bekannt. Jetzt wurden die Bälle von der Ortsgruppe der NSDAP, der NS-Frauenschaft, dem Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps-Sturmabteilung (NSKK-SA) oder dem „Luftschutzbund“ in der 159 Plätze fassenden Stadthalle, dem vormaligen Ottoheim, sowie einigen Wirten (Höller, Regner, Café Schmidt) veranstaltet. Das dürfte auch die Zeit des „Karnevalsprinzen“ und der Ordensverleihungen gewesen sein, von der Adolf Ficker berichtet, da die NSDAP den rheinischen Fasching in der Region förderte. Ab 1933 gab es auch den Vorläufer der Gema: Für die Musik waren Tantiemen an die Komponisten zu zahlen.

Als der Zweite Weltkrieg vorbei war, hieß ab 1950 die Devise: „Hurra, wir leben noch!“ Kulturwissenschaftler sagen: „So viel Fasching war nie.“ In Eschenbach gab es 1952 wieder einen Faschingsumzug der Gesellschaft „Frohsinn“. Der Faschingswagen zeigte ein junges Mädchen (Rosl Garbe) in einer Konserve, denn junge Mädchen hießen damals „Backfische“.

Es folgte ein „lustiges“ Fußballspiel auf dem alten Sportplatz unterhalb der Stadtmühle. Eine der beiden Mannschaften schien zuvor schwer über den Durst getrunken zu haben, auch der Schiedsrichter war nicht mehr nüchtern. Etwa zur gleichen Zeit wurde auch ein Faschingslauf veranstaltet: Von der Bergkirche mussten die Teilnehmer, aufgehalten von Hindernissen, bis zum Ende des unteren Marktplatzes kommen. Wer es schaffte, bekam einen Krapfen.

Dann folgte die Zeit der großen Faschingsbälle. Orte waren der Ackermann-Saal, das Ottoheim, das Hotel "Am See“ und ab 1954 das Pfarrheim. Vertriebene und Flüchtlinge tanzten mit Einheimischen, die Integration der Neu-Eschenbacher begann. Der Kinderfasching wurde zur Tradition; besonders „Wurstschnappen“ war bei den Mädchen und Buben sehr beliebt.

Die Gaststätten veranstalteten einen Hausfasching oder auch Kappenabende. Vereine oder Wirte verkauften dafür Faschingshüte, Konfetti und Luftschlangen, besserten damit ihre Kasse auf und sorgten für die Musik. Für die Stimmung mussten die Besucher schon selbst sorgen. Die Kapellen damals hießen: „Tanzkapelle Dotzauer“, „A. Schuhmann mit seinen Solisten“, „Tanzkapelle Kern-Simon“ , „Kapelle Bitterer“, „Herr Schreml mit vier Mann“.

Legendär waren auch in den 1960er Jahren die Sketchabende der Pfadfinder (DPSG) im Pfarrheim: Der „Circus des Circusse“ machte Furore. Jetzt luden auch der Katholische Männer- und Frauenverein, die „Seerose“, der Sportclub, der Siedlerbund und weitere zum Tanzen ein. Es gab zudem spezielle Jugendbälle.

Bis in die 1970er Jahre wurde das Tanzverbot zu bestimmten Zeiten - Advent, Fastenzeit, Erntezeit - eingehalten, was Tanzveranstaltungen zu etwas Besonderem machte. Tanzkurse bei der Tanzschule Lück waren dafür üblich. Doch die Zeiten änderten sich: In einigen Gaststätten wurde eine Jukebox aufgestellt, die oft ein Orchester ersetzte. Auch der Tanzstil wandelte sich: Man konnte tanzen - das heißt, sich kreativ bewegen -, ohne je das Tanzen gelernt zu haben.

Zu Beginn der 1980er Jahre traten an die Stelle der Tanzsäle die Discos. Große Bälle waren nun „out“. Auch Lehrer waren froh, dass die ganze Faschingswoche zur Ferienwoche erklärt worden war, denn man brauchte für Rosenmontag und Faschingsdienstag kein Alternativprogramm mehr. In Eschenbach wurde die Disco „Pumpe“ berühmt, die fast täglich Tanzvergnügen bot.

Die großen Säle in Eschenbach schlossen dagegen ihre Pforten. Nur der Rohrer-Saal überlebte. Manche Gaststätten hielten noch einen Hausfasching ab, der Heimatverein veranstaltete einen Kappenabend, den Kinderfasching gab es weiterhin. Auch Faschingsumzüge fanden nach 1980 hie und da statt: Der Stadtverband unter Leitung von Rudolf Morgenstern organisierte etwa alle drei Jahre bis 1986 einen „Gaudiwurm“ durch die ehemalige Kreisstadt.

Im Blickpunkt:

Trotz Feueralarm ein "sehr heiterer Abend"

Das Amtsblatt vom 17. Februar 1885 berichtet über den ersten Faschingszug in Eschenbach Folgendes:

"Die letzten Tage des Faschings sind hier ziemlich bewegt verflossen. Am Samstag Abend veranstaltete die Gesellschaft 'Frohsinn' einen Maskenzug, welcher sowohl in Bezug auf Arrangement, als auch Costümirung (!) nur als sehr gelungen bezeichnet werden muß. Es war ein ganz lieblicher Anblick, die Vertreter so mancher Nationen, dieses und jenes Standes, aus mancherlei Jahrhunderten, bei Fackelschein, bengalischer Beleuchtung unter den Klängen einer frohen Musik, deren Erzeuger gar zu liebenswürdig maskiert waren, in froher Erregung dem Balllokale zumarschiert zu sehen, am Arme die reizende Landsmännin oder sonst etwas dergleichen. Der dem Maskenzuge folgende Ball verlief in schönster Ordnung, da außer für die Befriedigung der Tanzlust auch für des Leibes übrige Bedürfniße (!) bestens gesorgt war.

Am Montag abends (Rosenmontag) fand die Faschingsunterhaltung der Gesellschaft „Gemüthlichkeit“ statt. Da das vorher ausgegebene Programm äußerst reichhaltig war und dessen Ausführung einen sehr heiteren Abend versprach, waren bereits um 7 Uhr die Räumlichkeiten gefüllt. Kurz vor Beginn des ersten Stückes „Der Strumpf als Rächer“ ertönte plötzlich Feueralarm. Es stand der, der hiesigen Commune gehörige sogenannte 'Zapfenstadel' in lichten Flammen, und mußte demnach die Aufführung auf kurze Zeit verschoben werden. Da jedoch keine weitere Gefahr bestand, und fast sämtliche Gäste sich wieder gesammelt hatten, konnte das Programm seinem vollen Inhalte nach erledigt werden, und zwar ist dieß (!) den Umständen vollkommen zufriedenstellend geschehen. Sämtliche Piecen wurden mit Beifall aufgenommen, und war im Ganzen der Abend ein sehr angenehmer zu nennen.“

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