24.01.2020 - 18:04 Uhr
NabburgOberpfalz

Lederkugeln schonen das Parkett

"Pétanque" ist ein schwieriges Wort, in Nabburg spielt man lieber Boule, wenn man das Spiel mit Metall-Kugeln nach französischem Vorbild meint. Ein eingeschworenes Team übt auch im Winter – auf Parkett.

"Blau hat". Aber Team "Rot" darf bei dieser Boule-Partie auf Parkett noch eine Kugel werfen, die alles verändern kann. Karl Böhm (rechts) übernimmt die Rolle des Schiedsrichters.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Boule im Winter: Da denkt jeder gleich an dicke Handschuhe oder klamme Finger und rote Nasen. Nabburger Anhänger des französischen Kugelsports, alle schon eher im Seniorenalter, wollten sich im Winter nicht den Strapazen des Spiels auf dem freien Feld aussetzen und verlegten ihr Training in die kleine Nordgauhalle. Weil die üblichen Eisenkugeln dort mit Sicherheit für Dellen und Kratzer im Parkett gesorgt hätten, kommen schon seit einigen Jahren Kugeln aus Leder zum Einsatz. Die sind robust, liegen ausreichend schwer in der Hand und rollen ziemlich präzise aufs "Schweinderl" zu.

"Dass müssen Sie ausprobieren", sagt Karl Böhm, der sich im TV 1880 Nabburg um die Organisation der Treffen kümmert. Wer sich für das Spiel mit den Lederkugeln interessiert, bekommt hier schnell ein rotes oder blaues Exemplar in die Hand gedrückt. Jetzt heißt es gut zielen, damit die eigene Kugel möglichst nah an der weißen Kugel landet und damit Punkte fürs Team einfährt. "Es geht bis 13, dann ist das Spiel aus, das ist so ähnlich wie beim Eisstöckeln", erklärt Böhm. Er übernimmt die Schiedrichter-Rolle, seit er bedingt durch eine Krankheit die Kugel nicht mehr so richtig festhalten kann. Hervorgegangen ist die Boule-Gruppe ursprünglich aus dem Versehrtensport. "Da gab's noch Geld von der Krankenkasse", erinnern sich die Veteranen.

Ganz jung sind sie alle nicht mehr, die eifrigen Boule-Spieler. "Das da, das ist der Max Pflamminger", stellt Böhm einen der Spieler vor und fügt hinzu: "Mit 82 Jahren ist er aber nicht der Älteste." Diese Rolle hat Josef Hart inne, der schon "auf die 92 zugeht". Herbert Kreisberger und Georg Schopper zählen als "Neulinge" und ragen doch längst nicht mehr heraus in den Teams "Rot" und "Blau", wo die Talente möglichst gleich verteilt sein sollen. Im Eifer des Spiels sind kleine Gebrechen oder Handicaps ohnehin schnell vergessen, dann kommt es darauf an, wer als "Leger" mit präzisem Herantasten oder als "Schießer" mit etwas aggressiverem Wegkicken brilliert.

"Der kommt", schallt es durch die Halle, wenn eine Kugel besonders verheißungsvoll heranrollt. "Super, Rot hat", wird die neue Lage kommentiert, während Team Blau noch auf minimalen Anschub der eigenen Kugel durch den Gegner hofft. "Das kannst du vergessen", ruft einer von ganz hinten, und ein anderer feuert seinen Team-Kollegen an: "Schieß ihn raus!" Sieger ist das Team, das eine Kugel mit dem geringsten Abstand zum "Schweinderl" platzieren konnte. Und für jede weitere Kugel in dieser Farbe, die näher dran ist als die gegnerischen, gibt es einen zusätzlichen Punkt. "Ein Genie", wird einer gelobt, wenn er das Spiel in letzter Minute rettet. "Das macht der Schweinebraten vom Kräuterbeck aus", wird dann über "Doping"spekuliert.

Im Zweifelsfall holen die Spieler den Meterstab raus und messen nach. "Nicht ärgern", tröstet Schiedsrichter Böhm die Verlierer. Schließlich geht es weder um eine Urkunde noch um einen Pokal. "Früher waren wir sogar bayernweit bei Turnieren gemeldet, und in Ingolstadt haben wir einen dritten Platz gemacht", erinnert sich Böhm. Heute wollen sich die Spieler im Rentenalter solche extrem langen Tage mit Abfahrt um 6 Uhr morgens und Rückkehr spätabends nicht mehr zumuten. Lieber trainieren sie jeden Donnerstag um 15 Uhr einfach so zum Spaß und gönnen sich hinterher ein Bierchen. Erst im Sommer wechselt die Gruppe wieder nach draußen. Dann werden hinter der Kegelbahn die Metall-Kugeln wieder ausgepackt und der Spaß geht weiter. "Wir nehmen jeden", beteuert Organisator Karl Böhm. Und was ist mit Frauen? "Bis jetzt hatte wir noch keine, die mitspielen wollten", sagt der Schiedsrichter, "aber die sind auch herzlich willkommen".

Im Zweifelsfall gibt der Meterstab Aufschluss darüber, welche Mannschaft näher an die weiße Kugel herangekommen ist.
Hintergrund:

Pétanque oder Boule?

"Boule" steht für die meisten Deutschen für das Spiel mit Metall-Kugeln, das im Nachbarland Frankreich häufig auf öffentlichen Plätzen ausgetragen wird. Der korrekte Name ist eigentlich Pétanque. Boule ist im engeren Sinn eine Kurzform für die Kugelsportart Boule Lyonnaise, wird in Deutschland aber umgangssprachlich als Sammelbezeichnung für viele Kugelsportarten wie beispielsweise das Jeu Provençal, das britische Bowls und das italienische Boccia verwendet. Daneben gibt es noch eine Reihe von regionalen Variationen. Gespielt wird normalerweise mit Metallkugeln und einer Zielkugel aus Holz. Die Kugeln haben einen Durchmesser von 7,05 bis 8,0 Zentimeter und ein Gewicht von 650 bis 800 Gramm. Sie unterscheiden sich durch verschiedenartige Metalle und Gravuren. Wer sich solche Kugeln zulegen will, sollte allerdings auf ein Prüfzeichen achten. In der Vergangenheit gab es Fälle, in denen Metallkugeln mit Mörtel gefüllt waren: Durch die Füllung korrodierte das Metall, und es bildete sich ein explosives Gasgemisch, die Kugel explodierte.

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