10.01.2020 - 14:34 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Bald beginnt das Leben ohne Politik

Mit 71 ist Schluss. Marianne Deml zieht sich aus Stadtrat und Kreistag zurück und tritt bei den Kommunalwahlen nicht mehr an. Die CSU-Frontfrau, die auch als Staatssekretärin wirkte, verabschiedet sich von der politischen Bühne.

Marianne Deml kehrt dem Neunburger Rathaus den Rücken. Nach 18 Jahren im Stadtrat tritt sie bei den Wahlen im März nicht mehr an.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

"Ich denke noch gar nicht daran, wie es ohne politische Arbeit wird, denn ich stecke ja noch mitten drin", sagt Marianne Deml beim Besuch von Oberpfalz-Medien. Die 70-Jährige ist ihr halbes Leben lang in politischen Gremien vertreten: 35 Jahre Kreistag, 18 Jahre Landtag und 18 Jahre Stadtrat. Sie war CSU-Kreisvorsitzende und Mitglied im CSU-Parteivorstand. Als Landtagsabgeordnete zog sie bereits 2008 einen Schlussstrich. Dieser folgt nun im März auch als Kreis- und Stadträtin. Der aktiven Seniorin wird es auch ohne Mandat nicht langweilig: Sechs Enkelkinder (3 bis 16 Jahre) freuen sich auf mehr Zeit mit der Oma, und Projekte erfordern weiterhin ehrenamtliches Engagement.

Erste Frau in Kreistagsfraktion

Auf dem Esszimmertisch steht ein Plätzchenteller mit Spritzgebäck und Spitzbuben. Mit letzteren hatte Marianne Deml sicher auch während ihrer langen politischen Laufbahn zu tun. Doch der Rückblick fällt positiv aus und sie betont: "Die Begegnungen mit Menschen waren wirklich bereichernd." Nachtreten war nie ihr Ding. Mit gesundem Menschenverstand und Oberpfälzer Fleiß schaffte es die Landwirtstochter ins Bayerische Kabinett. Start war mit dem CSU-Eintritt im Jahr 1977. Schon 1984 gelang auf Platz acht der Sprung in den Kreistag. In der CSU-Fraktion war die 35-Jährige die erste und einzige Frau im Sitzungssaal. 35 Jahre später sind unter den 60 CSU-Kandidaten, die sich für die Kreistagswahlen im März nominieren ließen, immerhin ein Drittel Frauen.

Auch im Landtag befeuerte die Neunburgerin die Frauenquote. 1993 gab es im Kabinett Stoiber keine einzige Ministerin und nur vier Staatssekretärinnen: Neben Deml waren dies Monika Hohlmeier, Barbara Stamm und Christl Schweder. Am Gelingen des damals nicht selbstverständlichen Spagats zwischen Karriere und Familie hatte Ehemann Alois großen Anteil. "Ich konnte schon immer kochen", sagt der ehemalige Abteilungsleiter vom Chipswerk Flessner. "Und nicht nur Dotsch", fügt er lachend an. In der München-Zeit seiner Gattin legte er die Mittagszeit so, dass er zum Unterrichtsende zu Hause war. "Alle waren damit einverstanden, aber natürlich hat es im Alltag auch Diskussionen gebraucht", sagt die Ex-Landtagsabgeordnete und ergänzt: "Es war ein Glück, drei Kinder zu haben. Denn die waren nie alleine."

Mit der Kommunalpolitik war sie seit Kindesbeinen an vertraut: Vater Josef Ziereis war Bürgermeister der Kleingemeinde Großenzenried, die Mutter fungierte als Gemeinde-Schreiberin. Als Zweitälteste wuchs sie mit vier Geschwistern auf und wechselte nach der Realschule Neunburg auf die höhere Fachschule für ländliche Hauswirtschaft Triesdorf. Im zweiten Bildungsweg folgte in der Familienpause die Ausbildung zur Erzieherin (Telekolleg) und später der Abschluss Hauswirtschaftsmeisterin (1978). Berufliche Stationen waren KLJB-Diözesanreferentin, Erzieherin, Beratungs-Technikerin für Hauswirtschaft am Landwirtschaftsamt, Hauswirtschaftsunterricht an der Berufsschule Neunburg, Öffentlichkeitsreferentin der Solar-Wasserstoff-Pilotanlage Neunburg.

Erfahrungen aus dieser Zeit waren sicher von Vorteil, als Marianne Deml im Oktober 1990 ziemlich überraschend als Abgeordnete in den Landtag einzog: Sie nahm der SPD das vier Jahre zuvor in WAA-Zeiten errungene Stimmkreis-Direktmandat wieder ab. Die folgenden 18 Jahre waren aufregend und lehrreich für die Oberpfälzerin, die den Höhepunkt ihrer politischen Karriere als Staatssekretärin im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (1993 bis 2001) unter Minister Reinhold Bocklet erlebte. Ministerpräsident Edmund Stoiber holte sie nach erst zweieinhalb Jahren im Landtag in sein Kabinett. Ebenso überraschend war der Rücktritt, um welchen Stoiber sie bat, als er nach der BSE-Krise ein Verbraucherministerium plante. Denn die Zahl der Kabinettsmitglieder war auf 18 begrenzt. "Ich hab diese Entscheidung damals nicht persönlich genommen", blickt Deml versöhnlich zurück. Im Gedächtnis geblieben sind ihr eher die positiven Erfahrungen: "Fast jeden Tag gab es neue politische Aufgaben und Begegnungen mit anderen Menschen." Durch den Bereich Landwirtschaft mit den Schulen in allen Landkreisen sei sie viel herumgekommen. "Bayern ist schön aber auch groß, und es gab viele Abendveranstaltungen." Und sie ergänzt: "Die 100-Stunden-Woche als Staatssekretärin war schon heftig. Aber es war eine gute und eine schöne Zeit. Und es war spannend." Bei der Rückkehr in die Fraktion trat Deml die Nachfolge von Peter Gauweiler im Europa-Ausschuss an. "Das war auch sehr interessant."

Für die Heimat etwas bewegt

Noch immer ein wenig stolz ist sie auf einen Erfolg, der ihr zu Beginn der ersten Legislaturperiode gelang. Die noch junge Abgeordnete hatte sich für eine neue und finanziell günstigere Bauweise von Kläranlagen stark gemacht, anfangs belächelt von männlichen Kollegen. Auslöser war die geplante Erweiterung der Kläranlage in Neunburg, die rund 54 Millionen Mark gekostet hätte. "Es gelang, die Fachstellen von einem System aus Norddeutschland zu überzeugen. Schließlich wurde eine Firmen-Kläranlage für 5,4 Millionen Mark gebaut." Das hatte Modell-Charakter und führte zu immensen Einsparungen in ganz Bayern. Marianne Deml wurde im Jahr 2006 mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet. Bei der Landtagswahl 2008 stellte sie sich nach 18 Jahren im Maximilianeum nicht mehr zur Wahl und verabschiedete sich im Alter von 59 Jahren von der Landespolitik. In ihrer Abgeordnetenzeit hatte sie mit Max Streibl, Edmund Stoiber und Günther Beckstein drei Ministerpräsidenten erlebt. Ihr Resümee: "In der Fraktion herrschte ein harmonisches Klima und eine konstruktive Zusammenarbeit." Sie schätzt deshalb die Kontakte in der "Vereinigung der ehemaligen Abgeordneten". Die Neunburgerin bringt sich als stellvertretende Vorsitzende ein und schätzt die Treffen und gemeinsamen Fahrten. 2020 geht es eine Woche nach Georgien. Auch den 75. Geburtstag von Barbara Stamm feierte die "alte politische Familie" mit.

Relativ spät, im Jahr 2002 startete Marianne Deml als CSU-Stadträtin im Neunburger Rathaus. Seit 2014 ist sie hier als Beauftragte für die Spitalstiftung aktiv und aktuell mit einem Gesamtkonzept für die Erweiterung des Marienheims beschäftigt. Das dies nicht so einfach wird, zeigt sie anhand einer Skizze. Ganze 35 Jahre gehört sie mittlerweile auch dem Kreistag Schwandorf an. Eine Zeit mit vielen Debatte und schwierigen Entscheidungen, wie dem Verkauf der Krankenhäuser. Den SPD-Landrat konnte sie 2001 und 2008 mit ihrer Kandidatur nicht verhindern. Wie beliebt sie in ihrer Heimatstadt ist, zeigte sich jedoch 2008, als in Neunburg 80 Prozent der Wähler für sie als Landrätin stimmten.

Die künftige Polit-Pensionistin will in ihrer Heimatstadt auch weiterhin etwas zum Positiven bewegen und investiert Geld (Renovierung eines alten Gebäudes zwischen Rathaus und Pfarrkirche) und Zeit (Vorsitzende des Orgelbauvereins). Und dann ist da noch die im Mai 2019 gegründete "9Bürger eG", die heuer eine Anlage mit 19 barrierefreien Wohnungen für Senioren errichten will. Im Vorstandsteam: Marianne Deml. Familiär steht im neuen Jahr ein Termin im Kalender, der dem Ehepaar besonders wichtig ist: Die goldene Hochzeit im November.

Viel zu lachen und zu erzählen gab es schon über die Feiertage im Hause Deml. Die Kinder Helga, Markus und Katharina reisten mit ihren Familien aus München und Sankt Petersburg an und feierten Weihnachten in der Heimat. Da wurde es am Esstisch auch mal politisch: Ein Enkel engagiert sich beim Klimaschutz und pflanzte als Ausgleich für die weite Flugreise einen Baum im Wald der Oma.

Die 100-Stunden-Woche als Staatssekretärin war schon heftig. Aber es war eine gute und eine schöne Zeit. Und es war spannend.

Marianne Deml zu den Jahren 1993 bis 2001

Marianne Deml zu den Jahren 1993 bis 2001

Politische Stationen:

Einsatz für den Stimmkreis

Kreistag

1984 schafft Marianne Deml den Sprung in den Schwandorfer Kreistag. Hier ist sie ununterbrochen bis April 2020 mit Sitz und Stimme vertreten, darunter viele Jahre als stellvertretende Fraktionsvorsitzende.

Landtag

Von 1990 bis 2008 vertritt die Neunburgerin die Region als Abgeordnete im Bayerischen Landtag. Karriere macht sie als Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium (1993 bis 2001).

Stadtrat

Von 2002 bis 2020 gehört Deml dem Stadtrat Neunburg vorm Wald an. Ab 2014 ist sie als Beauftragte für die Spitalstiftung aktiv und hier aktuell mit einem Gesamtkonzept für die Erweiterung des Marienheims beschäftigt. Erfolgreiche Arbeit

1991: Anstelle der für 54 Millionen teuren Erweiterung der Kläranlage Neunburg wird eine Firmen-Kläranlage für 5,4 Millionen Mark gebaut. Im Stimmkreis durch das Engagement von Deml geschaffene Stellen und Ämter: AOK-Dienstleistungszentrum in Schwandorf (1997). Seit 2002 gibt es die überbetriebliche Lehrlings-Ausbildung am Berufsbildungszentrum (BBZ) Schwandorf; seit 2004/2005 kann man an der FOS und BOS Schwandorf zum Vollabitur gelangen. Auf der Fraktionsklausur 2004 gelingt die Fortführung der Förderung der Abwasserentsorgung und Kleinkläranlagen (circa 130 Millionen Euro).

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