25.03.2020 - 15:34 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Von Senioren ins Herz geschlossen

Computerspezialist oder Altenpfleger? Karam Al Khoder hat nach der Flucht aus Syrien auf sein Herz gehört und eine Ausbildung im Neunburger Marienheim gewählt. Bewohner, Kollegen und der Bürgermeister sind begeistert.

Karam Al Khoder ist mit Herzblut dabei, wenn es um die Pflege von Senioren geht. Auch Heimbeiratsvorsitzende Ilse Hanauer weiß den 26-Jährigen aus Syrien zu schätzen. Bei der Aufnahme des Bildes waren die Zugangsbeschränkungen für Altenheime noch nicht in Kraft.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Zum Termin mit der Presse kommt Karam Al Khoder im Anzug. "Dauert nur zwei Minuten", sagt er, und erscheint gleich darauf in Berufskleidung mit weißem Hemd und weißer Hose. So schnell dieser Wechsel funktioniert, so zielstrebig hat er sich auch einen Platz auf dem Arbeitsmarkt erobert. Nicht dort, wo viel Geld verdient ist, sondern wo Personal händeringend gesucht wird: in der Altenpflege. Der 26-Jährige, der vor vier Jahren aus Syrien geflüchtet ist, hat sein erstes Ausbildungsjahr im Neunburger Marienheim schon hinter sich.

"Bassd scho", ist so ein Satz, den man häufig hört von dem jungen Mann, der in seiner alten Heimat eigentlich ein IT-Studium begonnen hatte - und das sagen auch die Menschen, die er betreut. Das Studium hat er nicht abgeschlossen, "wegen des Krieges", stellt er ohne großes Bedauern klar. 2016 kam er über die Balkanroute mit seiner Freundin nach Deutschland. Es folgten drei Monate Integrationskurs, Ein-Euro-Jobs und Praktika, schließlich die einjährige Ausbildung zum Altenpflegehelfer. Gestärkt durch den Erfolg traute sich der 26-Jährige noch mehr zu: Er begann eine dreijährige Ausbildung zum Altenpfleger. Für Neunburgs Bürgermeister ist er jetzt schon ein Musterbeispiel für erfolgreiche Integration.

"Wenn du jetzt noch Lederhose trägst, bist du ein richtiger Bayer", scherzt der Bürgermeister beim Termin mit Oberpfalz-Medien im Marienheim. "Da fehlt nur noch der Bierbauch." Und schon ist man mittendrin in der Debatte über das größte Hindernis bei der Integration: die Sprache. Auch Karam Al Khoder hatte da zu kämpfen, vor allem als es um die Fachliteratur ging. Aber er hatte auch Hilfe von Schulkameraden und war fleißig.

Nächtelang gebüffelt

"Manchmal habe ich ganze Nächte durchgearbeitet", schildert er Phasen, in denen er mit Hilfe des Internets nach Übersetzungen für Spezialausdrücke suchte. "Aber es hat geklappt", meint er mit Blick auf seinen ersten Abschluss als Pflegehelfer. Da habe es schon ein paar Freudentränen gegeben, als er Drittbester in seiner Klasse der Schwandorfer Berufsfachschule wurde. Dabei hätten nicht einmal alle Deutschen bestanden. "Wo ein Wille ist, da gibt es auch einen Weg", sagt er und belegt damit, dass er sich auch schon mit deutschen Sprichwörtern auskennt.

Doch im Neunburger Marienheim wartete auch noch der Dialekt als Hürde. "Manchmal habe ich schon stopp gesagt und ,bitte hochdeutsch'", gesteht der Auszubildende, "einer aus Berlin versteht das doch auch nicht". Daran, dass er trotz dieses Mankos bei den Heimbewohnern und Kollegen gut ankam, hat das nichts geändert. "Wir sind wirklich froh, dass wir ihn hier haben", sagt Pflegedienstleiterin Christine Weininger.

Die meisten Bewohner reagieren mit einem Lächeln auf die freundliche Pflegekraft, die sich einen "Beruf mit Herz" ausgesucht hat und sich am Arbeitsplatz "wie in einer großen Familie" fühlt. "Ein aufgeschlossener Mensch mit einem Lächeln kommt hier immer gut an", bestätigt der Bürgermeister und verweist auf einen weiteren Hoffnungsträger aus Syrien, der über die Berufsfachschule für Sozialpflege in Oberviechtach für ein Praktikum vermittelt wurde.

Stark für alle Fälle

Für Karam Al Khoder steht jetzt schon fest: "Das ist der richtige Beruf für mich." Egal ob Übergabegespräch, Waschen Rollstuhl-Schieben oder ein Todesfall, der Azubi aus Syrien fühlt sich stark genug für alle diese Anforderungen. Vielleicht liegt das auch an Erfahrungen im eigenen Umfeld. Al Khoders Mutter leidet an Diabetes, sie hat der Krieg in die Türkei verschlagen.

Aus Freundin Amar, mit der er geflüchtet ist, ist seine Ehefrau geworden. Die in Deutschland geborene dreijährige Tochter Sandy geht schon in den Kindergarten, die zweijährige Mira wird von der Mama betreut. Wie sieht es da mit dem Deutschlernen aus? "Meine Frau spricht besser als ich", berichtet der 26-Jährige nicht ohne Stolz. Wenn die Töchter etwas älter sind, ist die Mutter dran mit einer Ausbildung. "Vielleicht Kinderpflege?", überlegt ihr Mann. "Wir bieten hier in Neunburg ja auch einen Deutschkurs für Mütter", stellt der Bürgermeister die Vorzüge seiner Stadt heraus. Wer den 2016 geflüchtete Syrer mit einem Herz für Senioren schließlich fragt, was er in der neuen Heimat vermisst, bekommt die klare Antwort im Dialekt serviert: "nix".

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch mit Karam Al Khoder und Bürgermeister Martin Birner führte die Redaktion noch bevor wegen des Coronavirus umfangreiche Zugangsbeschränkungen für Altenheime angeordnet wurden.

Wo ein Wille ist, da gibt es auch einen Weg.

Karam Al Khoder über seinen Weg zum Altenpfleger

Karam Al Khoder über seinen Weg zum Altenpfleger

Info:

Kooperation mit Berufsfachschule

Auf der Suche nach Pflegepersonal hat man in Neunburg gute Erfahrungen gemacht mit einer Kooperation mit den Staatlichen Berufsfachschulen für Ernährung und Versorgung, Kinderpflege und Sozialpflege in Oberviechtach (Außenstelle des Beruflichen Schulzentrums Oskar-von-Miller Schwandorf). Über ein Praktikum bietet sich dort auch Schülern mit ausländischen Wurzeln die Chance, das Berufsfeld "Altenpflege" für sich auszuprobieren: Jeweils für zweimal eine Woche im Block und einen festen Tag pro Woche können sie im Marienheim mitarbeiten. "Wir haben da sehr gute Erfahrungen gemacht", berichtet Heimleiter Josef Weiß. Von Ressentiment seitens der Heimbewohner hat er bisher nichts gehört. Heikel seien allenfalls die Sprachkenntnisse. "Die Schule legt da oft eine höhere Messlatte an als wir", bedauert Weiß.

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