26.01.2020 - 16:34 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Bewährung hängt an seidenem Faden

Die Polizei war schon unterwegs, um den Angeklagten abzuholen. Von Pünktlichkeit hält er nämlich nicht viel. Das sollte sich ändern. Sonst wandert er wieder hinter Gitter.

Zu einer Bewährungsstrafe wurde ein 18-Jähriger verurteilt. Er stand wegen Drogenhandels und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vor dem Schöffengericht.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Termine beim Verteidiger? Bei der Jugendgerichtshilfe? Lässt der 18-Jährige verstreichen. Vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Schwandorf erscheint der junge Mann gerade noch rechtzeitig. Vorsitzende Richterin Petra Froschauer kann die Polizei wieder zurückbeordern. Die war am Dienstag schon unterwegs, um den Angeklagten zu holen. Dabei ging es um viel: In der "Pause" zwischen zwei Aufenthalten in einer Jugendstrafanstalt war der 18-Jährige in Konflikt mit dem Gesetz geraten. Das Damoklesschwert einer weiteren Haftstrafe wegen Drogenhandels und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte schwebte über dem Arbeitslosen.

Bei Ermittlungen im Drogenmilieu war die Polizei auf den Namen des jungen Mannes gestoßen. Chat-Protokolle führten auf seine Spur. Er hat einem Anderen im März 2019 Crystal Meth angeboten, 0,6 Gramm für 50 Euro. Da war er gerade mal seit zwei Monaten auf freiem Fuß, Reststrafen-Bewährung. Das Geld für die Drogen wurde übergeben. Das Crystal lieferte der Angeklagte nicht. Die Geldübergabe reichte aber für eine Anklage wegen "Handels". Das "Verkaufsgespräch" ist in Chatprotokollen dokumentiert, die Froschauer vortrug - unter Kopfschütteln, ob der "katastrophalen Orthografie und Grammatik".

Den "Deal" gab der 18-Jährige unumwunden zu. Härter tat er sich da schon beim zweiten Anklagepunkt. Auch sein jüngerer Bruder hat Ärger mit der Justiz. So sehr, dass gegen ihn im Mai 2019 Haftbefehl bestand. Polizeibeamte entdeckten das Brüderpaar in der Schwandorfer Innenstadt vom Streifenwagen aus, hielten sie an. "Der hat den roten Zettel sofort erkannt", sagte ein Polizeibeamter als Zeuge vor dem Schöffengericht, "und hat die Beine in die Hand genommen". Der ältere Bruder rannte mit, feuerte seinen Bruder an, der Polizeibeamte hinterher. Als der Polizeibeamte aufholte, blieb der Angeklagte plötzlich stehen, versuchte dem Beamten den Weg zu versperren und ein Bein zu stellen. Der sportliche Polizist ließ sich davon zwar kaum beeindrucken, als Widerstand wertete das Gericht die Tat dennoch. Geholfen hat die Aktion übrigens nichts. Gut 150 Meter weiter ging dem jüngeren Bruder die Puste aus, und der Polizeibeamte ließ die Handschellen klicken.

Die 88 Tage Reststrafe musste der 18-Jährige wenige Tage nach dieser Tat antreten, seit August ist er auf freiem Fuß. Und seitdem? Hat sich nicht viel getan, was auf einen neuen Lebenswandel schließen ließe. Arbeit? Fehlanzeige. Gut 300 Euro gibt's vom Jobcenter - aber auch die sind in Gefahr, wenn sich der 18-Jährige nicht bemüht. Das Vorstrafenregister sprach auch nicht für den 18-Jährigen: Diebstahl Körperverletzung, Drogen. Unterstützung der Familie? Wohl kaum. Bevor er volljährig wurde, stand der 18-Jährige unter Vormundschaft.

Für Staatsanwältin Franziska Paintner war klar: Für Bewährung gibt's keinen Anlass. Auch wenn sich die Jugendgerichtshilfe für eine letzte Chance einsetzte, verbunden mit einer "kernigen Arbeitsauflage". Die Anklägerin plädierte auf eine zehnmonatige Jugendstrafe. Auch Verteidiger Rechtsanwalt Richard Wagner hatte Mühe, Gründe für eine Bewährung zu finden. Dennoch: Das Ende der Haft im August sei als Zäsur zu sehen. Acht Monate, ausgesetzt zur Bewährung, lautete sein Plädoyer.

Das Schöffengericht verurteilte den 18-Jährigen zu zwölf Monaten Jugendstrafe und setzte diese auf drei Jahre zur Bewährung aus. Die drohende Haftdauer, so Vorsitzende Petra Froschauer, solle den Druck auf den 18-Jährigen erhöhen: "Das reißt er nicht so einfach runter." 200 Arbeitsstunden und die Pflicht, den Weisungen eines Bewährungshelfers zu folgen, gehören ebenso zu den Auflagen wie Drogenscreenings. "Wehe, Sie arbeiten nicht mit dem Bewährungshelfer zusammen," machte Froschauer klar, dass jeder Verstoß mit einem Widerruf und damit in der Haft enden wird. Das Urteil wurde noch im Gerichtssaal rechtskräftig.

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