18.02.2020 - 20:00 Uhr
SelbOberpfalz

Ex-Rosenthal-Vorstand in Haft: Zweite Frau getötet?

Er war in einen der aufsehenerregendsten Kriminalfälle Oberfrankens verwickelt, nun sitzt er erneut hinter Gittern: Der ehemalige Rosenthal-Finanzvorstand Hartmut M. (69) soll eine zweite Frau umgebracht haben.

2007 am Landgericht Würzburg: Ex-Manager Hartmut M. muss sich ein zweites Mal des Mordes an Magdalene H. (51) verantworten.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Hartmut M. war nicht lange im Vorstand bei Rosenthal in Selb. 1997 bis 2000. Fachlich überzeugte er nicht, menschlich schon. "Ich sehe ihn noch vor mir", sagt eine damalige Kollegin, "stets korrekt gekleidet, immer höflich, harmlos." Was keiner ahnte: Der Manager hat getötet.

Nach Überzeugung des Landgerichts Würzburg schnitt er 2001 Magdalene H. (51) aus Schwäbisch-Hall die Kehle durch. Dafür ist er wegen Totschlags verurteilt und hat seine Strafe abgesessen. Möglicherweise tötete der Finanzvorstand aber auch schon früher eine Frau. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wirft Hartmut M. aktuell vor, 1995 die 31-jährige Brigitta J. erstochen zu haben. Seit Februar 2020 befindet sich der 69-Jährige wieder in Haft.

Die Bluttat, die ihm zur Last gelegt wird, ereignete sich in Sindelfingen 1995. Hartmut M. war zu der Zeit Finanzvorstand beim Fensterbauer Weru im benachbarten Böblingen. Brigitta J. war erstochen wurde. Die Künstlerin war abends auf dem Nachhauseweg aus einem Modeatelier. Nach Auskunft einer Sprecherin des Polizeipräsidiums Ludwigsburg ist es „neuen Analysemethoden“ zu verdanken, dass es mit Hartmut M. jetzt einen Tatverdächtigen gibt.

Der Fall sei zur „Wiederholungsüberprüfung“ noch einmal aufgerollt worden. Das LKA Stuttgart untersuchte eine DNA-Mischspur vom Leichnam neu. Das Ergebnis erhärte den Verdacht gegen Hartmut R. Dieser brachte 1997 rund 400 Kilometer zwischen sich und den Tatort J.: Er ging zu Rosenthal und ließ sich mit seiner zweiten Frau und den beiden Kindern in Schwarzenbach an der Saale nieder.

Der Manager – ein Doppelmörder? Anwalt Michael Donath aus Schwäbisch Hall ist „nur bedingt überrascht“ von der neuen Festnahme: „Ich traue ihm alles zu.“ Donath vertrat als Nebenkläger die Familie von Magdalene H., dem Opfer von 2001. Die dreifache Mutter war durch Zufall am österreichisch-ungarischen Grenzübergang Nickelsdorf auf Hartmut M. getroffen. Dieser hatte sich selbstständig gemacht und versuchte damals, eine Firma in Ungarn aufzubauen.

Der Fall Magdalena H. in "Aktenzeichen XY" 2002.

Magdalene H. wiederum war unfreiwillig an der Grenze hängengeblieben: Sie hatte mit dem Landesfrauenverein zum Plattensee fahren wollen. Nur war ihr Ausweis abgelaufen. Der Bus fuhr ohne sie weiter, Magdalena H. wollte wieder heim. Wie Kameras zeigten, traf sie auf Hartmut M. Ihr Leichnam wurde im Unterholz an der A 73 bei Kulmbach gefunden.

In einem ersten Prozess 2004 wurde der Manager freigesprochen. Es gab als Indiz nur ein Klebeband, das er in Österreich gekauft hatte und Rückstände davon an der Leiche. Im zweiten Prozess 2007 reichte es für eine Verurteilung wegen Totschlags. Auch hier mit Kriminaltechnik: Blut im Auto konnte dem Opfer zugeordnet werden. Hartmut M. bestritt die Tat bis zuletzt.

Bizarr: Zwischen den Prozessen erpresste Hartmut M. den Shell-Konzern in Hamburg. Er nannte sich „Garibaldi“ und forderte vier Millionen Euro, sonst werde er Brandanschläge verüben. Am Ende gab es eine Gesamtstrafe von 12,5 Jahre, die er in der berüchtigten JVA „Santa Fu“ in Fuhlsbüttel absaß.

Nahe Hamburg stöberte die Polizei ihn auch jetzt auf. Sein Aufenthaltsort habe in enger Zusammenarbeit mit der Polizei Hamburg ermittelt werden könnten, so Kripochef Mathias Bölle aus Böblingen. „Der 69-Jährige wurde in einer Schrebergartensiedlung ausfindig gemacht.“ Er lebte in einem Gartenhaus. Spezialkräfte aus Hamburg und Zielfahnder des LKA Stuttgart nahmen ihn am 5. Februar widerstandslos fest.

Was ist Hartmut M. für ein Mann? Aus welcher Motivation tötete er 2001 und mutmaßlich 1995? Ein psychiatrischer Gutachter beschrieb ihn im Prozess als Narzisst, der das Glück anderer nicht erträgt. Tief blicken ließ die Aussage der zweiten Frau: So habe ihr Mann sie zum Schachspielen gezwungen. Verlor sie, musste sie ihm gefügig sein. Eine Chance habe sie nie gehabt.

Hintergrund:

Die zwei Gesichter eines Managers

1995 bis 1997, Böblingen: Hartmut M. lebt in der Nähe von Stuttgart. Er ist Finanzvorstand bei Fensterbau Weru.

14. Juli 1995, Mordfall Brigitta J.: Auf dem Nachhauseweg wird die 35-jährige Künstlerin in Sindelfingen erstochen, drei Kilometer von Böblingen entfernt. Zeugen sehen einen Mann weglaufen. Der Täter kann nicht ermittelt werden.

1997 bis 2000, Selb: Hartmut M. tritt eine Stelle als Vorstandsmitglied beim Porzellanhersteller Rosenthal an. 2000 wird der Vertrag nicht verlängert, Hartmut M. macht sich mit einer Firma in Ungarn selbstständig.

28. September 2001, Mordfall Magdalene H.: Die Betreiberin eines Lotto-Toto-Ladens steigt am österreichisch-ungarischen Grenzübergang Nickelsdorf bei Hartmut M. ein. Ihre Leiche wird mit durchgeschnittener Kehle an der A73 bei Kulmbach gefunden.

2004, erster Prozess im Mordfall Magdalene H.: Hartmut M. wird vom Landgericht Bayreuth mangels Beweisen freigesprochen.

2004, Erpressung von Shell: Hartmut M. alias "Garibaldi" erpresst Shell.

2007, zweiter Prozess im Fall Magdalene H: Der BGH hebt das Urteil auf, in Würzburg wird neu verhandelt. Neu: Eine Blutspur im Auto kann dem Opfer zugeordnet werden. Die Ehefrau widerruft das Alibi. Gesamtstrafe: 12,5 Jahre.

2017: Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel.

5. Februar 2020: Festnahme wegen Mordverdachts an Brigitta J.

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