08.10.2019 - 12:48 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Tanzen gegen Gewalt an Mädchen

Sie sind wunderschön und zeigen anmutige Tänze. Doch im wahren Leben ist vieles unschön: Viele indische Mädchen werden ermordet, unterdrückt und vergewaltigt. Die schönen und die hässlichen Seiten Indiens erlebten Gäste bei "Indien tanzt".

von Ulla Britta BaumerProfil

Wie so viele junge Mädchen tanzen sie für ihr Leben gern mit strahlendem Lächeln im Kreis, bis die bunten Röcke fliegen: Die sechs Mädchen, die sich am Sonntagabend auf der Bühne der St.-Peter-Turnhalle zu exotischen Klängen bewegen, könnten normale Jugendliche sein, die Spaß am Tanz haben. Das sind sie leider nicht.

Trauriges Schicksal

Die "Chaithanya Dance Group" ist aus sechs Mädchen zusammengesetzt, die in Hyderabad in Indien in einem Kinderheim leben. Sie haben Glück, denn damit werden sie vor Prostitution, Kinderarbeit oder Verheiratung im Kindesalter geschützt. Hannah Mehler hat das Elend dieser Kinder miterlebt. Die junge Tirschenreutherin absolvierte dort zehn Monate im Bundesfreiwilligendienst. "Als ich hörte, dass die 'Chaithanya Dance Group' nach Deutschland kommt, setzte ich alles in Bewegung, um sie zu uns zu bringen", erzählt Mehler. Sie hat sich die Kommunale Jugendarbeit ins Boot geholt, die sie bestens unterstützte.

Am Sonntag strahlt die junge Frau übers ganze Gesicht, überwältigt vom großen Publikum, das ihr zuhört. Damit habe sie nicht gerechnet. In der ersten Reihe sitzen Bürgermeister Franz Stahl und stellvertretender Landrat Alfred Scheidler. Während Mehler vom traurigen Schicksal der indischen Mädchen erzählt, werden weitere Stühle hereingetragen, derart groß ist das Interesse.

Die Tirschenreutherin und die Moderatorin, Mathilde Reichl, berichten zwischen den Tänzen, wie den Mädchen geholfen wird und dass das Kinderheim mitten in der Stadt aus allen Nähten platzt. Ein Neues soll gebaut werden, doch dafür brauche es Spenden. Mehler bedankte sich beim Bürgermeister, der gemeinsam mit Scheidler auf der Bühne beteuert, wie wertvoll es sei, über den Tellerrand zu schauen und damit zu erfahren, dass nicht überall eitel Sonnenschein herrsche. Stahl überreicht eine Spende, dann gibt Mehler die Bühne frei.

Die Mädchen tanzen nicht nur Schrittfolgen und Choreographie, wenngleich ihre Darbietung sehr anmutig fürs Auge sind. Mathilde Reichl berichtet, dass die Tänze aus einer Mischung von Bollywood und Volkstanz entstanden seien. Im Gebetssong beispielsweise werde Danke und Bitte gesagt.

Andere Tänze oder Gesänge sind dem Erwachsenwerden gewidmet und dem Wunsch nach Freiheit. So erzählt ein Lied von den Sorgen einer indischen Mutter, ein Mädchen zur Welt gebracht zu haben, das ein Leben lang benachteiligt sei. Das Kind tröstet die ängstliche Mutter. Es werde selbstbewusst die Hürden überwinden, verspricht es.

Reichl berichtet von der Zwangsprostitution, wobei die Mädchen pro Freier 1,20 Euro bekämen. Den Großteil davon nehmen ihnen die Zuhälter weg. Ein Mädchen sei von fünf Männern vergewaltigt worden, ein anderes von der Polizei geschlagen. "Viele Ehefrauen werden von ihren Männern zur Prostitution gezwungen." Reichl hat aber auch Gutes zu berichten vom Projekt der indischen Nichtregierungsorganisation Chaithanya Mahila Mendalili (CMM), die in Hyderabad (11 Millionen Einwohner) Mädchen und Frauen hilft. Die sechs Tänzerinnen haben Glück.

Geschützter Raum

Sie leben mit gut 40 weiteren Kindern gemeinsam im geschützten Raum des Kinderheimes, dürfen auf eine gute Zukunft hoffen. Das Heim soll neu gebaut werden, erzählt Mehler. Es gehe voran, dank Spenden. "Ein Brunnen, eine Mauer und Strom sind bereits vorhanden." In der Pause dürfen sich die Gäste am Büfett einer weiteren positiven Seite Indiens widmen: Auf den Tischen stehen zig exotische Leckereien. Bald haben sich alle satt gegessen und die Mädchen tanzen weiter in seidig-bunten Gewändern. Ein Tanz ist ein Protest gegen Hass, Gier und Streit.

Zur späteren Stunde betreten plötzlich auch acht Mädchen aus dem Landkreis die Bühne. Aufgeregt erzählen sie vom zweitägigen Tanz-Workshop in der Jugendherberge Tannenlohe, wo sie indische Traditionale gelernt haben. Stolz zeigen sie ihr Können, sie machen ihre Sache gut. Das Publikum geizt nicht mit Applaus für die "Chaithanya Dance Group" und die Tirschenreuther Mädels.

Hintergrund:

"Indien tanzt" ist ein Projekt, das Hannah Mehler in die Wege geleitet hat für Tirschenreuth und vom Bundesministerium für Familien, von "Demokratie leben", von "Demokratie leben in der Mitte Europas", von der Kommunalen Jugendarbeit und von KoKi gefördert wird und wurde. Die "Chaithanya Dance Group" wurde von der "Kinderkulturkarawane" nach Deutschland geholt. Diese Organisation gibt Randgruppen und Benachteiligten aus aller Welt die Möglichkeit, sich mit einem Kulturprogramm bundesweit vorzustellen. (ubb)

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