22.01.2020 - 09:48 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Afghane aus Weiden: Abgeschoben und verloren

Es ist ein Drama von besonderem Ausmaß: Ahmad ist integriert, spricht deutsch, lebt und arbeitet in Weiden. Er engagiert sich in der evangelischen Kirche. Dann wird er abgeschoben. Heute ist er arbeits-, obdach- und völlig perspektivlos.

Ahmad musste 2018 Deutschland verlassen. Seitdem befindet er sich in einer Abwärtsspirale. Aus Angst vor Verfolgung ist er in die iranische Hauptstadt Teheran geflohen. Dort lebt er auf der Straße und entbehrt jeglicher Hoffnung auf eine glückliche Zukunft.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Ahmad ist ganz unten angekommen: Er hat keine Familie, kein Geld, kein Heim, nicht einmal ein sicheres Leben. Seitdem der eigentlich gut integrierte, aus Afghanistan stammende Mann 2018 von Weiden aus in sein Herkunftsland Afghanistan abgeschoben wurde, liegt seine Welt in Trümmern. Eines hat der junge Mann aber doch noch: einen Freund in Weiden, der sich um ihn sorgt.

Dekan Wenrich Slenczka hat Ahmad 2017 getauft, seit dessen Abschiebung steht er mit ihm per Whatsapp in Kontakt, schickt ihm auf dessen Wunsch hin Gottesdienste aufs Handy. Doch seit Beginn des Jahres hat der Geistliche kein Lebenszeichen mehr von Ahmad bekommen. "Er hat mittlerweile auch kein Handy mehr und nur noch ganz sporadisch Zugang zum Internet", sagt Slenczka. Wortkarg sei er schon immer, der junge Mann, der knapp acht Jahre lang in Deutschland lebte, selbst für seinen Lebensunterhalt sorgte und seinen Arbeitgeber von sich überzeugte. Wer länger als acht Jahre in Deutschland lebt, bekommt ein Bleiberecht. "Ganz kurz davor haben sie ihn abgeschoben", sagt der Dekan. Einen Ausweis hätten sie damals bereits beantragt gehabt, vergebens.

So oft sich Ahmad in der Vergangenheit bei Slenczka gemeldet hatte, konnte der Geistliche die Verzweiflung des jungen Mannes spüren, der sich nach wie vor nichts sehnlicher wünscht, als wieder nach Weiden zurückkehren zu dürfen.

Flucht nach Teheran

Angekommen in Afghanistan war die Odyssee des damals 26-Jährigen noch lange nicht vorbei. Weil es für ihn als Christ in Afghanistan zu unsicher war, floh er nach Teheran, der Hauptstadt des Nachbarlands Iran. Einen Flüchtlingsstatus hat er dort nicht. Wie Hunderttausende weiterer Afghanen lebt er dort illegal, möchte von der Öffentlichkeit so wenig wie möglich wahrgenommen werden. Ein möglicher Grund: Erst 2019 hat der Iran laut der Internationalen Organisation für Migration rund 485.000 Afghanen aus dem Land abgeschoben. Ahmads ehemaliger Chef, ein Weidener Geschäftsmann, sagt: "Für jemanden aus Afghanistan ist es mittlerweile so gut wie gar nicht mehr möglich, ein Bleiberecht im Iran zu bekommen."

Ahmad versucht sich Tag für Tag durchzukämpfen. "Zwischenzeitlich hat er einmal kurz auf dem Bau gearbeitet", sagt Slenczka. Aufgrund der desaströsen Wirtschaftslage habe er den Job aber schnell wieder verloren. Sein derzeitiger Status: arbeits- sowie obdachlos und völlig pleite. Hinzukommt: mutterseelenallein. So streift er Tag und Nacht der Verzweiflung nahe durch die Straßen der iranischen Millionenmetropole. Der Weidener sagt: "Ihm geht es dreckig, hundsmiserabel. Er muss hungern. Ich bin sicher, dass er irgendwann sterben wird. Dann liegt er einfach tot auf der Straße." Auch er hat seit einigen Wochen nichts mehr von Ahmad gehört. Was zu denken gibt: Das letzte mal als der Geschäftsmann mit Ahmad in Kontakt stand, sendete er dem jungen Mann (27) über einen Geschäftskollegen Geld.

Freiwillig zurück nach Afghanistan?

Der junge Mann hat Slenczka zufolge mit dem Gedanken gespielt, zurück nach Afghanistan zu gehen. Dort aber in ein "vermeintlich sicheres Gebiet", wie es Slenczka nennt, zu kommen, sei sehr schwierig. "Nominell werden Christen in Afghanistan zwar nicht verfolgt", erklärt der Geistliche. Allerdings gebe es innerhalb der afghanischen Gesellschaft Strukturen, die Ahmads Leib und Leben ernsthaft bedrohen könnten. "Es könnte passieren, dass er dort den Taliban in die Hände fällt", äußert sich der Dekan besorgt. Einen wirklichen Anreiz bietet sein Herkunftsland ohnehin nicht: Eine Familie hat Ahmad schon lange nicht mehr. Bereits vor Jahren sind seine Mutter und seine Schwester bei Anschlägen ums Leben gekommen.

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Wenig Hoffnung auf einen Weg zurück

Kann es für Ahmad einen Weg zurück nach Weiden geben? Slenczka hofft das zwar, die Chancen dafür dürften allerdings gering sein. Denn: Um einen Aufenthaltstitel zu bekommen, müsste Ahmad so etwas wie einen Ausbildungsplatz in Deutschland nachweisen können. Einen solchen versucht ein weiterer Freund des Afghanen, ein Weidener Geschäftsmann, bei dem Ahmad bis zu seiner Abschiebung gearbeitet hatte, für den jungen Mann zu finden. Slenczka weist aber auf ein Problem hin. "Soweit ich weiß, hat Ahmad seit seiner Kindheit gearbeitet." Damit möchte der Geistliche sagen, dass er nicht sicher ist, ob Ahmad überhaupt einen Abschluss hat. Dass Ahmad dennoch gut Lesen und Schreiben kann, das steht für Slenczka aber außer Frage.

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Visum schwierig zu bekommen

Selbst wenn Ahmed einen Ausbildungsplatz in Deutschland finden würde, gäbe es noch ein weiteres Problem: Er bräuchte ein Visum. Um ein solches für die Einreise nach Deutschland stellen zu können, müsste Ahmad seine Identität bei der Deutschen Botschaft in Teheran nachweisen können. Derzeit ist er aber weder in Besitz einer Geburtsurkunde noch eines Passes. Um diese Dokumente zu bekommen, müsste er zurück nach Afghanistan. Das wäre aber eine durchaus gefährliche Reise, die ihn durch für ihn unsicherere Gebiete führen würde. "Das ist nicht so einfach. Dort ist es nicht so, dass man einfach in einen Zug steigt und mal da hin fährt", erklärt Slenczka.

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Slenczka: "Abschiebepraxis nicht nachvollziehbar"

Slenczka weiß: Ahmed möchte zurück nach Deutschland, nach Weiden. Dort hatte er Freunde, ein Dach über dem Kopf und konnte hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Geblieben davon ist ihm einzig die schmerzliche Erinnerung an damals, als alles noch besser war. Und so muss er weiterhin seine Tage auf den Straßen Teherans fristen, immer begleitet von dem Traum, der Boden unter seinen Füßen wäre der in Weiden. Slenczka: "Ich finde es jedes Mal schrecklich, wenn ich von einem Flugzeug höre, in dem Menschen nach Afghanistan abgeschoben werden." Laut ihm wird immer davon gesprochen, dass unter diesen Personen sind, die straffällig geworden sind. "Was aber ist mit all den anderen im Flugzeug, die niemals jemandem etwas getan haben? Wem ist damit denn bitte geholfen", fragt der Dekan. für ihn sei die Abschiebepraxis nicht nachvollziehbar.

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