16.01.2020 - 21:12 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Donnerwetter aus Grafenwöhr

Während Schießlärm in Grafenwöhr nichts ungewöhnliches mehr ist, wundern sich am Mittwochabend die Einwohner von Weiden bis Schnaittenbach über vibrierende Fensterscheiben. Der Wetterexperte erklärt, warum.

Auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr läuft derzeit die Übung „Combined Resolve“. Dabei schießen wie im Jahr 2018 (Bild) bei der „Strong Europe Tank Challenge“ auch amerikanische Panzer.
von Matthias Schecklmann Kontakt Profil

Fensterscheiben vibrieren, Deko wackelt und der Tagesschau-Sprecher ist kaum zu verstehen. Die Einwohner von Weiden bis Etzenricht über Weiherhammer und gar Schnaittenbach wundern sich am Mittwochabend. Der Ursprung ist schnell klar: der Schießlärm am Truppenübungsplatz Grafenwöhr.

"So schlimm hat es schon lange nicht mehr gescheppert", sagt eine Weidenerin. In Grafenwöhr selbst war nichts Ungewöhnliches festzustellen. "Es war nicht außergewöhnlich laut. Bei mir gab es auch keine Beschwerden. Das ist für uns nichts Besonderes mehr", sagt Grafenwöhrs Bürgermeister Edgar Knobloch. Bei der Integrierten Leitstelle Nordoberpfalz gingen am Mittwoch keine Anrufe bezüglich des Schießlärms ein. "Das kommt schon mal vor. Meistens, wenn am Himmel Feuer oder Licht zu sehen ist. Doch über den reinen Lärm beschwert sich bei uns keiner. Es ist wie neben einer Kirche zu wohnen, daran gewöhnt man sich auch", erklärt Jürgen Meyer.

Dass der Schießlärm also gerade in und um Weiden so laut zu hören war, muss aber einen Grund haben. Wetterexperte Andy Neumaier hat eine mögliche Erklärung: "Da wir es gestern mit einer sogenannten Inversionswetterlage zu tun hatten, vermute ich diese als Ursache. Milde Luft in der Höhe, eine kalte Luftschicht lag am Boden."

Sogenannte Inversionswetterlagen sorgen nämlich für geänderte Ausbreitungsbedingungen für Funkwellen, da diese zurück in die dichtere kalte Bodenluft reflektiert werden. Ein Effekt, den zum Beispiel auch Hobby-Funker nutzen, um die Reichweite ihrer Signale zu erhöhen. Auf gleicher Grundlage begünstigt eine solche Wetterlage die Ausbreitung von Schall in Bodennähe, weil dieser zum Boden hin gebrochen wird und sich dadurch über große Distanzen ausbreiten kann.

An den Wind als Grund für den erhöhte Lautstärke der Schießübungen glaubt Neumaier nicht. "Die Windrichtung war recht variabel und der Wind schwach, so richtig transportiert wurde dadurch eher nichts. Ich tippe daher auf die Inversionswetterlage und die dadurch verbesserte Schallausbreitung", sagt er.

Die US-Armee hatte bereits im Vorfeld mitgeteilt, dass von Dienstag bis Donnerstag, 14. bis 16. Januar, Ausbildung mit Kampfpanzern und Artillerie im Rahmen der Übung „Combined Resolved“ stattfindet. Dabei üben über 5000 Soldaten aus 17 Nationen auf den Truppenübungsplätzen Grafenwöhr und Hohenfels. Ziel der Übung ist es laut der US-Armee die Bereitschaftsfähigkeit und Zusammenarbeit der teilnehmenden internationalen Militärpartner aufzubauen.

Pro und Contra: Schießlärm - Halb so wild oder ganz schön nervtötend?

Matthias Schecklmann:
Weidener Weicheier: Schießlärm ist für Anlieger vollkommen normal.

Liebe Weidener und nicht-Übungsplatzanlieger, stellt euch doch bitte nicht so an. Ich bin rund um den Truppenübungsplatz Grafenwöhr aufgewachsen, da hat es immer schon Lärm gegeben, und wir haben ihn ausgehalten: Ihr seht also, er ist nicht unerträglich. Ich bin sogar der Meinung, dass es früher noch viel schlimmer war. Was ihr am Mittwochabend gehört habt, ist in vielen Orten direkt rund um den Truppenübungsplatz bereits vollkommen normal. Da jetzt die Wetterlage ausnahmsweise mal ungünstig war, habt ihr es auch einmal mitbekommen. Ich bin der Meinung, dass auch ihr das aushaltet. So ein Riesenknaller ist das Dauerthema Schießlärm eben auch nicht.

Simone Baumgärtner:
Trommelfell-Feuer: An Schießlärm kann man sich nicht gewöhnen.

Das kann doch nicht wahr sein! Es sind nicht die Kinder, die am Mittwochabend aus ihren Betten zu mir trampeln. Es sind die Truppenbewegungen in Grafenwöhr, die wegen der ungünstigen Inversionswetterlage durchs heimische Wohnzimmer donnern. Und zwar so lautstark wie selten! Dabei sitze ich in Weiden mehr als 20 Kilometer vom Übungsplatz entfernt – und denke trotzdem, die Panzerfaust ist meine Nachbarin. Das anschließende Dauer-Geratter lässt aber nicht nur Wände wackeln und die Kinder tatsächlich aus den Betten kippen, sondern auch ins Bewusstsein rücken: Der Krieg beginnt vor der Haustür. Nein, an Schießlärm kann man sich nicht gewöhnen. Man kann nur abstumpfen.

Info:

Weitere Übung

Auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr wird 2020 weiterhin geübt. Von 2. bis 12. Mai steht die Übung „Warfighting Assessment 20“ an. 4000 US-Soldaten sowie 1000 Soldaten aus Kanada, Frankreich, Polen und Großbritannien werden dann auf dem Truppenübungsplatz sein. Allerdings wird sich das wohl nicht auf den Schießlärm auswirken.

Denn es handelt sich um eine Gefechtsstandübung, die sich großteils digital am Computer abspielt. Der reguläre Betrieb auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr wird währenddessen aber natürlich fortgesetzt, teilt die US-Armee mit.

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