14.11.2019 - 10:07 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Highlight im Weidener Hexenkessel

Gino Lettieri, ehemaliger Fußballtrainer der SpVgg SV Weiden, ist in Polen entlassen worden. Beim Blick zurück kommt ihm vor allem das DFB-Pokalspiel gegen Dortmund in den Sinn, ein sportlicher Höhepunkt in seiner Karriere.

von Autor LSTProfil

Ein bisschen mehr als zehn Jahre ist es her, dass der damalige Fußball-Regionalligist SpVgg SV Weiden im August 2009 im DFB-Pokal Borussia Dortmund mit 1:2 (0:1) unterlag. Auf der Trainerbank saß damals mit Gino Lettieri ein Mann, der von 2007 bis 2010 die Wasserwerk-Elf coachte, ehe ihm sein Weg über den SV Wehen Wiesbaden, Arminia Bielefeld, den MSV Duisburg und den FSV Frankfurt in die polnische 1. Liga zu Korona Kielce führte, wo er vor knapp acht Wochen entlassen wurde.

Der 52-jährige Deutsch-Italiener hatte zum 5. Juni 2017 in Polen angeheuert. Nach einem schlechten Saisonstart mit nur vier Punkten aus sieben Spielen trennten sich die Korona-Verantwortlichen nach der 0:2-Niederlage gegen Jagiellonia Bialystok von Lettieri.

In 88 Pflichtspielen als Korona-Trainer blickte der in Zürich geborene Lettieri auf 30 Siege, 25 Unentschieden und 33 Niederlagen zurück. In der Saison 2018/19 erreichte er mit Korona Kielce das Halbfinale im polnischen Pokal-Wettbewerb. In der Liga wurde Korona Kielce Tabellenzehnter – von 16 Mannschaften.

Die durch die Entlassung zwangsverordnete Auszeit soll aber nur von kurzer Dauer sein. Dennoch genießt Lettieri aktuell das Nichtstun und widmet sich verstärkt seiner Familie, mit der er in Bayreuth lebt.

ONETZ: Herr Lettieri, wie ordnen Sie rückblickend die Qualität des polnischen Fußballs ein?

Gino Lettieri: Gino Lettieri: Ich würde das Ganze so im vorderen Mittelfeld der 2. Bundesliga in Deutschland einordnen. Ein, zwei polnische Spitzenklubs könnten durchaus auch in der Bundesliga im hinteren Bereich mitspielen.

ONETZ: Ihr Vertrag in Polen endete nun leider vorzeitig: Wollen Sie wieder eine deutsche Mannschaft trainieren?

Gino Lettieri: Meine Familie lebt ja in Bayreuth. Schon alleine deshalb wäre es natürlich reizvoll, wieder in Deutschland zu trainieren. Ich hatte im letzten Herbst auch Angebote aus der 2. Bundesliga und 3. Liga. Das war aber nichts, was mein Interesse geweckt hat. Ich warte mal ab, was passiert.

ONETZ: Welche Trainertypen begeistern Sie?

Gino Lettieri: Mit seiner extrovertierten Art holt Jose Mourinho sehr viele Emotionen aus seinen Spieler heraus, und seine Akteure wissen genau, dass "The Special One" für sein Team durchs Feuer gehen würde. Der Gegensatz ist Pep Guardiola, der seine Philosophie auf Spielverständnis und Taktik legt. Seine Art ist introvertierter wie bei Mourinho. Wenn man die Philosophie von beiden Typen verinnerlicht, dann wäre dies die perfekte Mischung.

ONETZ: Beim SV Darmstadt waren Sie nur drei Monate. Aus welchen Gründen war die Zusammenarbeit damals nur von kurzer Dauer?

Gino Lettieri: Ich habe zu dieser Zeit den Fußballlehrer-Lehrgang in Köln besucht. Somit hatte ich mir drei Prioritäten gesetzt. Die erste Priorität war der Erwerb des Scheins, dann musste ich meiner Arbeit beim SV Darmstadt nachgehen und das Wichtigste war die Familie. Zur der Zeit war meine Frau hochschwanger. Ich war fast nur noch mit dem Auto unterwegs von Bayreuth nach Köln, dann von Köln nach Darmstadt und zum Schluss von Darmstadt nach Bayreuth. Dieser Vorgang wiederholte sich ständig. Wegen dieser Problematik konnte ich nicht mit 100 Prozent Leidenschaft meine Arbeit beim SV Darmstadt verrichten. Deshalb gab es Gespräche mit der Vorstandschaft und wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass wir die Zusammenarbeit beenden und ich mich mit voller Konzentration den Lehrgang widmen kann. Ich hatte mir einfach zu viel zugemutet.

ONETZ: In der Zeit beim SV Wehen Wiesbaden waren Sie erst der goldene Retter vor dem Abstieg und zum Schluss wurden Sie heftig kritisiert. Wie haben Sie die schwierige Situation verkraftet?

Gino Lettieri: Bei dem Thema SV Wehen Wiesbaden muss ich ein wenig mehr ausholen (grinst). Als ich zu dem Drittligisten kam, war der SVW schon mit einem Fuß abgestiegen in die Regionalliga. Wir haben in meiner ersten Saison in Wehen den nicht mehr geglaubten Klassenerhalt geschafft. In der nächsten Spielzeit hatten wir wegen eines Punktes den Aufstieg in die 2. Liga verpasst. Nach dieser guten Saison wurden die besten Spieler verkauft. Dann kam noch hinzu, dass der beste Innenverteidiger der 3. Liga, Thorsten Barg, seine Karriere wegen eines doppelten Achillessehnenrisses beenden musste. Auch die interne Sperre von Zlatko Janjic konnte keiner verstehen, auch war diese Aktion mit mir nicht abgesprochen.
Die Abgänge waren überhaupt nicht notwendig, da der Verein finanziell abgesichert war. Ich bin davon überzeugt, dass wir wieder um den Aufstieg mitgespielt hätten. Leider wurde das Herz der Mannschaft auseinander gerissen. Zudem plagte uns das Verletzungspech. Ich musste zeitweise auf acht Stammspieler verzichten. Die Gründe der Entlassung verstehe ich bis heute noch nicht, da wir nur acht Punkte auf einen Aufstiegsplatz entfernt waren und auch die Abstiegszone war mit neun Punkten Vorsprung noch weit entfernt. Ich bin noch mit keiner Mannschaft abgestiegen und bin absolut überzeugt, dass ich auch in dieser Zeit beim SVW nicht abgestiegen wäre. Deswegen gab es für mich keine Gründe für die Trainerentlassung.

ONETZ: In Deutschland wird ein Trainer öfters gewechselt wie zum Beispiel in England oder Spanien – wie die aktuelle Situation ja zeigt. Sind die deutschen Clubs zu ungeduldig? Was denken Sie über diese Statistik?

Gino Lettieri: Die deutschen Vereine sind für mich zu ungeduldig. Egal in welcher Liga, ob Bundesliga, 2. oder 3.Liga. Ein schneller Trainerwechsel bringt meistens keinen Vorteil ein, da die Anpassungen an den neuen Coach zu lange dauern. Der Trainerwechsel ist meistens nicht die Beseitigung aller Probleme. Den Spruch: ‚Der Trainer ist das schwächste Glied in der Kette‘ kann ich nicht mehr hören! Dass es auch anders geht, hat Freiburg bewiesen. Trainer Streich hat in schwierigen Phasen das Vertrauen der Vorstandschaft bekommen und steht jetzt mit an der Tabellenspitze. Ich bin der Meinung, dass sich kontinuierliche Arbeit meistens durchsetzt.

ONETZ: Sie haben mehrere Vereine in Deutschland und auch in Europa hospitiert. Welcher Club hat Sie begeistert? Welche Unterschiede sind zwischen den deutschen und europäischen Teams festzustellen?

Gino Lettieri: Die Zeit beim AC Florenz hat mich sehr fasziniert. Der Trainer war damals Giovanni Trapattoni. Zur der damaligen Zeit zwischen 1997 und 1998 war die Professionalität sehr weit ausgeprägt. Der Trainerstab war mit einem Athletik-Trainer, einen Koordinationstrainer, zwei Co-Trainern und einem Cheftrainer ausgestattet. Die meisten deutschen Vereine sind heutzutage noch weit von dieser Philosophie entfernt. Bei Arsène Wenger (FC Arsenal) war ich eine Woche zu Besuch. Er hatte beim Training sechs Assistenten (für Abwehr, Mittelfeld, Sturm) auf den Platz. Der FC Arsenal oder auch Manchester United waren mit dieser Mentalität jahrzehntelang im Kreis der besten Vereine der Welt.

ONETZ: Was war das "Highlight" Ihrer Trainerkarriere?

Gino Lettieri: Die Aufstiege waren "Highlights" in meiner Trainerkarriere, da jeder Aufstieg was Besonderes hatte. Auch die DFB-Pokalspiele hatten schöne Momente zu bieten. Da fällt mir das Spiel gegen die Hertha aus Berlin ein. Dieses Spiel war in der Zeit, als ich beim SV Darmstadt unter Vertrag stand. Vor einer riesigen Kulisse konnten wir uns ein Remis innerhalb der regulären Spielzeit erkämpfen und durften uns noch in der Verlängerung beweisen. Eine Minute vor dem Elfmeterschießen konnte sich der damalige Herthaner Yildiray Bastürk durchsetzen und versenkte den Ball zum 1:0-Siegtreffer. Auch wenn wir verloren haben, war diese Partie ein echtes "Highlight".
Aber die DFB-Pokalpartie mit der SpVgg SV Weiden gegen den Champions League-Finalisten Borussia Dortmund darf man auch nicht vergessen. Der Kartenvorverkauf war innerhalb von ein paar Stunden schon beendet, da die Ticket-Anfragen extrem waren. Die Weidener Fans verwandelten das Wasserwerk-Stadion zu einem echten Hexenkessel. Die Partie war bis zur 85.Minute offen, weil die Dortmunder nur 2:1 führten. Doch der damalige Dortmunder Tinga stellte den 3:1-Endstand für die Klopp-Elf her. Diese Ereignisse waren die Schönsten in meiner Trainerkarriere und ich hoffe, dass weitere unvergessene Momente dazu kommen.

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