11.11.2019 - 16:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Nächster Skandal um Siegfried Mauser

Um Siegfried Mauser wird es nicht ruhig. Kaum ist der Professor, der viele Jahre bei den Weidener Max-Reger-Tagen mitwirkte, wegen sexueller Nötigung rechtskräftig verurteilt, bahnt sich ein neuer Skandal an: Diesmal geht es um ein Buch.

Professor Siegfried Mauser bei einem Konzert im Stadttheater Amberg. Obwohl er rechtskräftig wegen sexueller Nötigung verurteilt worden ist, loben ihn seine Freunde in einer Festschrift.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Dieser Tage erscheint die Festschrift "Musik verstehen - Musik interpretieren. Eine Festschrift für Siegfried Mauser zum 65. Geburtstag". Seine Freunde, die an diesem 470-Seiten-Buch mitgewirkt haben, sorgen nun für den nächsten Skandal. Im Vorwort der Festschrift, das Oberpfalz-Medien vorliegt, beschönigen und verharmlosen die Herausgeber Susanne Popp, Dieter Borchmeyer und Wolfram Steinbeck Mausers Taten, für die er zwei Jahre und neun Monate im Gefängnis büßen muss.

In dem Buch heißt es: "Mausers Empathie, das Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, sich mitzufreuen und mitzuleiden, wurden ihm nicht immer nur gedankt. Seine Visionen und sein unbändiger Tatendrang, die ansteckende Spontaneität und begeisternde Vitalität haben ihm manche Kritik eingetragen - und sein bisweilen die Grenzen der ,bienséance' überschreitender weltumarmender Eros hat für ihn schwerwiegende rechtliche Folgen gehabt."

Kein kritisches Wort

Herausgeberin Susanne Popp ist in Weiden keine Unbekannte: Sie sitzt im wissenschaftlichen Beirat der Max-Reger-Tage, erstellt das Programm, wählt Künstler aus und spricht bei Konzerten. In dem Gremium war auch Siegfried Mauser Mitglied, bis sich die Stadt 2018 von ihm trennte. Borchmeyer ist Ehrenpräsident der Akademie der Schönen Künste in München.

Die Herausgeber halten viel von Mauser. Das legen sie im fünf Seiten langen Vorwort der Schrift (Verlag Königshausen und Neumann) dar. Sie schreiben über den Werdegang, von der Geburt am 3. November 1954 in Straubing bis zur Karriere als Musikwissenschaftler. Der Niederbayer war Rektor des Mozarteums in Salzburg, Präsident der Hochschule für Musik und Theater in München und Direktor der Abteilung Musik der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Die Autoren schildern ausführlich, was den 65-Jährigen ausmacht: "... wer je ein Vortragskonzert von Mauser erlebt hat, weiß, wie enthusiastisch und enthusiasmierend er zwischen Vortragspult und Klavier hin und her eilen kann", um vorzuspielen, was er zuvor erläutert hat - oder umgekehrt. Er sei ein "Doppelgenie als musikalischer Gelehrter und gelehrter Musiker", heißt es im Text. "Mausers Glanz rührt auf der professionellen Ebene ... von seinem außergewöhnlichen pädagogischen Charisma her."

Das bestätigt auch Professor Kurt Seibert, der die Weidener Max-Reger-Tage initiiert und viele Jahre lang geleitet hat. "Der Sigi ist intelligent. Er kann den bayerischen ,Buam' geben, aber auch den feinen Mann." Der Musikprofessor beschreibt Mauser als genialen Netzwerker. Wer etwa einen Kontakt zur Staatsregierung brauchte, sei zu ihm gegangen. Und wenn sich einer mit ihm angelegt habe, war die Karriere vorbei. "Der Mauser war die Spinne im Netz, er war überall drin. Und jeder wusste, dass er ein Schlawiner ist." Seine Machtposition hat der Niederbayer ausgenutzt, um Frauen näher zu kommen. "Jeder hat gewusst, dass er mit jeder schläft, wenn er kann. Das war für ihn selbstverständlich", sagt Seibert. Auch ihn habe Mauser um die Adresse einer Bekannten gefragt, erinnert sich Seibert.

Interview mit Susanne Popp zur Festschrift

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Job nur dank Kontakten

Wer sich um einen Job etwa an einer Musikhochschule bewirbt, brauche Fürsprecher. Können allein reiche nicht, erläutert Seibert. Auf einen Lehrauftrag mit ein paar Hundert Euro Lohn pro Monat bewerben sich seinen Angaben zufolge 150 Leute aus der ganzen Welt. "Die Musikszene ist ein äußert brutaler Wettbewerb. Und wenn sie keine Verbindungen haben, können sie es gleich bleiben lassen." Mauser hat sich Fürsprache wohl etwas kosten lassen. "Aber ein Chef von 1000 Mitarbeitern muss anständig bleiben", kritisiert Seibert. Auch Mausers Freunde, die an der Festschrift mitgewirkt haben, waren laut Seibert zeitweilig vom Netzwerker abhängig oder hatten das Gefühl, abhängig zu sein.

Die Herausgeber der Festschrift verlieren kein kritisches Wort zu Mausers Straftaten, seinem Fehlverhalten, sein Ausnützen von Macht. Stattdessen zeichnen sie ein positives und sympathisches Bild des Jubilars: "Auf zwischenmenschlicher Ebene bezwingt Mauser immer wieder durch seine alle konventionellen Manieren sprengende, jegliches ,repräsentative' Gebaren für sich selber verwerfende, menschenfreundliche und ,millionenumschlingende' Kommunikationsbereitschaft und Herzlichkeit. Diese kennt keine Hierarchie, macht keinen Unterschied zwischen dem weltberühmten Musiker und dem Studenten und baut Barrieren zwischen sich und anderen ab."

"Grapscher", der Macht ausnützte

Das wird nicht jeder bestätigen können. Mehrere Frauen hatten Mauser wegen sexueller Nötigung angezeigt. Der Professor wurde in einem Fall zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt, in einem anderen zu zwei Jahre und neun Monate. In einem weiteren Fall wurde der 65-Jährige freigesprochen. Mauser sprach nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" vor Gericht von "überschwänglicher Kontaktbereitschaft". Staatsanwälte und Richter beschrieben den Niederbayern als "Grapscher", der seine "Vorgesetztenstellung brutal ausgenutzt" hat.

Seibert hat wenig Hoffnung, dass sich in Zukunft im Kunstbetrieb etwas ändert, "Me-too"-Debatte hin oder her. Der Kontakt zwischen Lehrenden und Studenten sei nunmal sehr eng. "Das ist die Szene und das wird sich nicht ändern."

Kein Konzert mehr mit Siegfried Mauser:

Wann tritt Siegfried Mauser seine Haft an? Wohl sehr bald. Ein Indiz dafür liefert das Kulturhaus Blaibach (Kreis Cham), wo Mauser schon öfter zu Gast war. Zunächst bewarb es noch ein Konzert mit ihm am Klavier am 15. Januar. Nun steht auf der Internetseite der Einrichtung, dass Donald Sulzen neben Sänger Thomas E. Bauer das Programm an diesen Abend gestalten wird. Im Oktober hatte der Bundesgerichtshof das Urteil bestätigt. In der Regel erfolgt dann die Ladung zum Haftantritt.

Kommentar:

Kein Gefallen

35 Intellektuelle ehren Siegfried mit einer Festschrift zu seinem 65. Geburtstag. Musikwissenschaftler, Komponisten, der berühmteste von ihnen: Philosoph Peter Sloterdijk. Ein Autor ist weiser als der andere. Alle zusammen handeln unüberlegt. Das Geschenk für den Sexualstraftäter mit diesem unsäglichen Vorwort hätte jeder absagen müssen. Von Mausers "weltumarmendem Eros" ist darin die Rede. Opfer und Gericht empfanden das als sexuelle Nötigung.

Alle, die am Buch mitgewirkt haben, halten fest an ihrem Sigi. Aber welche Freunde sind das? Statt unschuldige Worte für Straftaten zu finden, hätten sie ihm ins Gewissen reden müssen. Echte Freunde hätten mit Mauser darüber gesprochen, dass er Macht missbraucht und ein falsches Verständnis von Sexualität hat. Darüber hätte er im Gefängnis nachdenken können. Auch wenn Mauser für die Musik Großes geleistet haben mag, mit einer Festschrift hätten die Autoren mindestens bis zum 70. Geburtstag warten - und darin sein Fehlverhalten ehrlich thematisieren sollen. Mit diesem Buch zum Haftantritt aber hat sich keiner einen Gefallen getan.

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