17.01.2020 - 20:02 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Runder Tisch für soziales Engagement fordert: Ihr Kinderlein kommet aus Griechenland

Weiden sei bereit, unbegleitete Minderjährige aus überfüllten Flüchtlingslagern in Griechenland aufzunehmen, sagt der OB vor Weihnachten. Das wünscht sich auch der "Runde Tisch für neues Engagement" - und sieht die Stadträte in der Pflicht.

Allein unter Tausenden, untergebracht in Provisorien: Die Situation der Flüchtlingskinder in griechischen Lagern wie hier auf Lesbos verpflichtet auch Weiden zu helfen. Das meinen Oberbürgermeister Kurt Seggewiß und die Mitglieder des Runden Tisches für neues Engagement.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Die Diskussion bei der Sitzung im Café Mitte war ausführlich, das Ergebnis eindeutig: Der "Runde Tisch für neues Engagement" fordert die Stadt auf, eine gewisse Zahl von unbegleiteten minderjährigen Kindern aus den Massenlagern in Griechenland nach Weiden zu holen. Das erklären Mitglieder in einem Schreiben an Oberpfalz-Medien. Dabei müssten vor allem die Stadträte handeln und "diesbezüglich aktiv werden, Signale aussenden und die nötigen politischen und verwaltungstechnischen Schritte einleiten", heißt es.

Vorstoß des Oberbürgermeisters zur Aufnahme von Flüchtlingskindern ohne Eltern

Weiden in der Oberpfalz

Die Diskussion angestoßen hat Weidens Oberbürgermeister persönlich. Bei der Weihnachtsfeier für allein Lebende im Dezember zeigte sich Kurt Seggewiß erschüttert vom Leid der gestrandeten Menschen in total überfüllten Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln. Insbesondere die Waisenkinder hätten schwer zu leiden unter diesen Umständen. "Diese unbegleiteten Minderjährigen brauchen eine ganz andere Betreuung", bekräftigt Seggewiß seinen Vorstoß von vor Weihnachten. "Es geht hier nicht darum, die bucklige Verwandtschaft ins Land zu holen, vor der viele Angst haben. Es geht mir um die Kinder. Sie sollen nach Weiden kommen. Bei ihnen mache ich eine Ausnahme", betont der Oberbürgermeister auf Nachfrage.

Zumal die Zustände in den griechischen Lagern "eine Katastrophe sind", sagt Manfred Weiß, einst Koordinator Asyl-Ehrenamt der Diakonie und nun Mitglied des Runden Tisches. Denn Kinder und Jugendliche leben in Lagern wie Moria, wo es offiziell nur 3000 Plätze, aber mehr als 17 000 Bewohner gibt. Sie hausen also in überfüllten Containern und durchnässten Zelten, manche schlafen unter freiem Himmel, ohne Heizung, Strom und medizinische Versorgung. Durchfall droht, der Winter wird kalt. Nicht alle überleben das.

Drei Kinder stehen zwischen Zelten in einem provisorischen Lager neben dem Flüchtlingslager von Moria.

Lager sind "Katastrophe"

"Bei diesen Bildern der Kinder im Lager zerreißt es einem das Herz. Der Druck ist da. Wo sollen diese Kinder denn sonst hin?", fragt der evangelische Pfarrer Hans-Peter Pauckstadt-Künkler, ebenfalls Runder-Tisch-Mitglied. Ein paar Kinder könne Weiden doch aufnehmen, um das Leid zu lindern. "Da geht es um fünf oder zehn Kinder, die wir dezentral unterbringen. Ein entsprechendes Netzwerk gibt es ja in Weiden." Pauckstadt-Künkler spielt etwa auf die bereits von Jost Hess zugesicherte Unterstützung durch den AK Asyl an.

Runder-Tisch-Kollege, Grünen-Stadtrat und Integrationsbeirat Veit Wagner räumt ein: Die Anzahl der Flüchtlingskinder ohne Eltern in Weiden hänge davon ab, was die Leute vor Ort, inklusive der Stadtverwaltung, leisten können. "Ich bin aber sehr begeistert, dass der Oberbürgermeister das Thema aufgegriffen hat."

Manfred Weiß weiß auch um "den enormen Aufwand", der mit der Aufnahme von Waisenkindern verbunden ist, die in der Regel in Wohngruppen untergebracht und übers Jugendamt betreut werden. "Das ist natürlich auch eine Frage der Kostenübernahme, da kommt der Kaufmann in mir durch." Aber die Menschlichkeit verpflichte uns zur Aufnahme. "In geringem Umfang kann das jede Kommune in Deutschland leisten", findet Weiß.

"Wo sollen die Kinder sonst hin?"

Pauckstadt-Künkler formuliert es so: "Wenn wir für Waisenkinder nichts mehr tun, für wen dann? Das sind doch die ärmsten in unserer Gesellschaft. Ihr Leben braucht Schutz." Der ehemalige Pfarrer von Rothenstadt und Etzenricht denkt an die Aufnahme von etwa fünf bis zehn Flüchtlingskinder ohne Eltern in Weiden. Seggewiß sprach vor Weihnachten davon, Weiden sei bereit, 50 unbegleitete Kinder aufzunehmen: "Wir haben in der Vergangenheit bewiesen, dass wir das können."

Zwischen 5 und 50 Aufnahmen

Derweil erklären sich andere Städte gerade bereit, sichere Häfen zu sein. So informierte das Sozialreferats München am Dienstag laut einer Pressemitteilungen des Evangelischen Pressedienstes, es sei denkbar, rund 40 Kinder und Jugendliche entsprechend der Größe der Landeshauptstadt aufnehmen zu können. Potsdam wolle 5, Berlin 70 Minderjährige aufnehmen. Das UN-Flüchtlingswerk geht von rund 4400 unbegleiteten Kindern in den Lagern der griechischen Inseln Lesbos, Samos und Kos aus.

Am Ende aber kann die Stadt allein nichts ausrichten. "Wir haben überhaupt keine Macht", erklärt der Oberbürgermeister. Ob Flüchtlingskinder ohne Eltern in deutschen Kommunen geholfen wird, entscheiden Politiker auf Bundesebene. "Aber wir fordern von der Bundesregierung und vom Innenminister, dass willige Kommunen gehört werden, wenn sie sich bereiterklären, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zur Betreuung nach Deutschland zu holen", heißt es seitens des Runden Tisches.

Stadtrat am Zug

Doch wird der Stadtrat dazu bereit sein? "Ich denke, dieser Vorstoß hat eine Chance im Stadtrat", sagt der OB. Er nimmt zudem an, dass auch die Mehrheit der Weidener dieses Ansinnen trägt. Und wenn doch Gegenwind aufzieht? "Dann soll er kommen", meint Weiß, "das halten wir aus." Oder, wie Seggewiß es formuliert: "Man muss ja nicht mit allen lieb Kind sein." Angemerkt

Die Unterzeichner:

Das sind die Unterzeichner der Forderung

"Ja, holen wir Kinder aus den Massenlagern in Griechenland nach Weiden!" Das fordern die Mitglieder des "Runden Tisches für neues Engagement" mit ihrem Namen: Konstantin Baier, Michaela Bio, Jutta Eger, Karin Fiechtner, Hilde Lindner-Hausner, Traudi Markl, Peter Müller, Heidi Nickl, Hans-Peter Pauckstadt-Künkler, Willi Rester, Herbert Schmid, Sema Tasali-Stoll, Conny Trottmann, Veit Wagner, Ronald Wesche, Manfred Weiß sowie Paul Zitzmann. (mte)

Info:

Erfahrungen aus der Bewältigung der Flüchtlingswelle von 2015

Die Stadt habe bereits bewiesen, dass sie es könne. Das sagte der Oberbürgermeister und spielte auf die Aufnahme von Flüchtlingen in Weiden im Jahr 2015 an. Doch wie lief das damals? Ein Rückblick.

• Es gibt laut Rechtsdezernat keine statistischen Erhebungen seitens der Stadt Weiden, die besagt, wie viele Flüchtlinge 2015 insgesamt in die Max-Reger-Stadt gekommen sind. Fest steht aber die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen: 170 kamen 2015 in die Stadt. Sie wohnten allerdings nicht durchgehend in Weiden, sondern wurden weiter verteilt oder sind aus anderen Gründen nicht geblieben.

• Untergebracht wurden unbegleitete Minderjährige laut Rechtsdezernat in Jugendhilfeeinrichtungen, in Einzelfällen in Privatfamilien, bei Verwandten wie Onkel oder Cousin sowie in Privatwohnungen.

• Auf die Frage, wo minderjährige Flüchtlingskinder ohne Eltern aktuell in Weiden untergebracht werden könnten, erklärt das Rechtsdezernat: „Die Wohnungen für die unbegleiteten Minderjährigen wurden abgebaut, aktuell gibt es noch eine Wohnung. Für neue unbegleitete Minderjährige müssten erst Wohnungen angemietet werden beziehungsweise Jugendhilfeeinrichtungen gesucht werden, in denen diese untergebracht werden können. In den Jahren 2015 und 2016 wurden hierfür extra Einrichtungen beziehungsweise Träger geschaffen, die sich um die unbegleiteten Minderjährigen kümmern.“

• Die Stadt betont, in der Frage, Flüchtlingskinder ohne Eltern aus den Lagern in Griechenland nach Weiden zu holen, nicht handeln zu können: „Der Stadt steht diesbezüglich keine eigene Zuständigkeitskompetenz zu“, heißt es seitens des Rechtsdezernats.

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