12.11.2019 - 12:32 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Nicht wegschauen, Kinderrechte umsetzen

Viel zu oft hat die Gesellschaft in der Vergangenheit weggeschaut, als es um Gewalt gegen Kinder ging. Handlungsansätze diskutiert nun eine Fachtagung anlässlich des 30. Jahrestags der Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention.

Chefarzt Dr. Christian Rexroth führt die Regie beim kinder- und jugendpsychiatrischen Fachtag.
von Siegfried BühnerProfil

Vor genau 30 Jahren wurde die UN-Kinderrechtskonvention verabschiedet. Zwischenzeitlich gilt sie uneingeschränkt auch in Deutschland. „Kinderrechte sind Menschenrechte“ heißt es darin. Im Einzelnen werden dort 11 Kinderrechte definiert und in 54 Artikeln ausformuliert. Auch das Recht auf Gesundheit zählt dazu.

„Wir wollen in einer Fachtagung am 21. November in Weiden die Situation der Umsetzung der Kinderrechte und des Kinderschutzes aus Sicht der Medizin und der Jugendhilfe interdisziplinär diskutieren und Handlungsansätze aufzeigen“ sagt Chefarzt Dr. Christian Rexroth vom Zentrum Amberg/Cham/Weiden der Medbo-Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Im Pressegespräch nimmt der Chefarzt zur Ausgangssituation der Tagung Stellung. Noch immer gehe es zu vielen Kindern schlecht, stellt der Mediziner fest und erinnert an die bekannt gewordenen Fälle von Vernachlässigung und Missbrauch. Hohe Scheidungszahlen und viele Alleinerziehende hätten das Risiko für Kinder erhöht. Auch gebe es einen Zusammenhang zwischen Armutsrisiko und psychischen Störungen. Zwar seien die Fallzahlen der geschädigten Kinder in vergangener Zeit nicht mehr angestiegen, aber noch immer seien sie sehr hoch.

Lebenslange Gesundheitsprobleme seien bei vernachlässigten und missbrauchten Kindern zu erwarten. Ein vorhandenes Traumata einer Mutter übertrage sich auf das Kind. Rexroth spricht von einer „neurologischen Weitergabe durch die Mutter“. Weil sich viele dem System entziehen, zum Beispiel aus Angst vor dem Jugendamt, bleibe eine hohe Dunkelziffer, bedauert der Mediziner. Er sieht einerseits die einzelnen medizinischen Disziplinen sehr gut aufgestellt, vermisst jedoch deren Vernetzung.

Zum Beispiel sollten Verhaltensauffälligkeiten in einer gynäkologischen Praxis nicht ignoriert werden. Auch die Erwachsenenmedizin sollte immer das gesamt Umfeld des Patienten beachten. In diesem Umfeld finden die Schädigungen der Kinder statt. Als Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendpsychiatrie fragt Rexroth auch: „Sind unsere Familienrichter richtig ausgebildet?“ Bei Entscheidungen über Heimunterbringung müssten auch die Anliegen der Sorgeberechtigten beachtet werden. Und er fordert eine Kontrolle aller neuen gesetzlichen Normen im Hinblick auf die Beachtung der Kinderrechte sowie auch die Aufnahme der Kinderrechte in den Grundrechtskatalog des Grundgesetzes.

Eine wesentliche Verbesserung der Versorgungssituation in der Oberpfalz sieht Rexroth im geplanten Neubau einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit 32 Betten in Weiden. Nächstes Jahr solle der Grundstein dafür gelegt werden. Zukünftig stehe die zwischen Medizin und Jugendfürsorge gemeinsame „aufsuchende Arbeit“ im Vordergrund. Betroffene Kinder und Jugendliche werden dabei im familiären Umfeld betreut.

Der kinder- und jugendpsychiatrische Fachtag steht unter dem Motto „30 Jahre UN-Kinderrechtskonvention aus interdisziplinärer Sicht“. Experten aus Psychiatrie, Medizin, Recht und Jugendhilfe sind dabei. Zur Eröffnung am 21. November um 10 Uhr in der Max-Reger-Halle in Weiden kommt auch die Bayrische Arbeits- und Familienministerin Kerstin Schreyer. Veranstalter ist die Medbo-Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Online-Anmeldungen sind für jedermann sind unter www.ipd.medbo.de möglich. Das Tagungsprogramm kann auf der Internetseite der Medbo heruntergeladen werden.

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