27.01.2020 - 14:53 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weiden unter dem Hakenkreuz

Das Wort Nebenprodukt klingt nach wenig Arbeit. Die neue Ausstellung zur NS-Zeit in Weiden im Neuen Rathaus ist zwar ein Ableger der Recherche des Stadtarchivs für eine Gedenktafel einen Stock höher, aber für ein Nebenprodukt doch gewaltig.

Stadthistoriker Dr. Sebastian Schott erläutert Stadträten und Schulleitern die zahlreichen Facetten des Nationalsozialismus in Weiden. Eine Ausstellung dazu ist bis Ende dieser Woche im Neuen Rathaus zu sehen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Wer von oben auf die Stellwände schaut, erschrickt. Sie sind in Form eines Hakenkreuzes angeordnet. Doch genau darum geht es auch. Zudem bieten die Schenkel des Hakenkreuzes eine raffinierte Form der Besucherführung. Auf einer Seite der schöne Schein des Regimes mit Verherrlichung von Mutterschaft, Arbeitsdienst und rassereiner Kultur, auf der Rückseite, im Inneren des Kreuzes, Zwangsarbeit, Verfolgung, Gleichschaltung.

Das Besondere daran: Kein Exkurs zur NS-Ideologie im Allgemeinen, sondern das, was daraus in Weiden wurde. Dazu gehören geächtete und bestrafte Frauen, die sich in Zwangsarbeiter verliebten. Dazu gehören Szenen aus dem Fasching der 30er Jahre, wo es statt klamaukig bereits sehr militärisch zuging. Dazu gehört Werbung für den wohl aggressivsten NS-Propagandafilm "Der ewige Jude" im enteigneten Spitz-Kino. Der jüdischen Familie Spitz gehörte das einstige Lichtspielhaus an der Ecke Max-Reger-/Leibnizstraße.

Ein Kapitel widmet sich dem Thema Bau. Mit interessanten Details, die wohl die wenigsten Weidener kennen. So ist die 1936 entstandene Zentrale der Stadtsparkasse ein Musterbeispiel der NS-Architektur, vor allem die später umgebaute Schalterhalle mit ihrer monumentalen Symmetrie. "Eigentlich hätte man die unter Denkmalschutz stellen müssen", sagt Dr. Sebastian Schott, der zusammen mit Kulturamtsleiterin Petra Vorsatz die Schau konzipiert hat. Ebenfalls erstaunlich: Unter den kirchenfeindlichen Nazis entstanden in den 1930 Jahren gleich zwei Kirchenbauten – St. Konrad und Herz Jesu. Das war wohl als Placebo für die starke konservativ-katholische Bevölkerung gedacht. Fast vergessen ist auch der Name der Harbauer-Siedlung. Sie heißt heute Moosfurtsiedlung, ihre ursprüngliche Bezeichnung geht aber auf Weidens Nazi-Bürgermeister Hans Harbauer zurück.

Die Ausstellung ist nur noch diese Woche zu den Öffnungszeiten des Rathauses zu sehen. Die gute Nachricht: Schulen oder Vereine können die leicht zu montierenden Roll-Ups danach für eigene Schauen ausleihen. Ansprechpartner sind Vorsatz und Schott. Über sie sind auch klassensatzweise Broschüren erhältlich, in denen die Ausstellung dokumentiert ist. Das Geleitwort dazu stammt von Weidens wohl bekanntestem Historiker, Professor Michael Brenner.. Er würdigt die Arbeit des Stadtarchivs als "Zeichen der Ermutigung".

Neue Gedenktafel für Weidens NS-Opfer

Weiden in der Oberpfalz

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.