10.11.2019 - 18:28 Uhr
Wildenreuth bei ErbendorfOberpfalz

"Oben bin ich Mann, unten Frau"

Für ihn ist es wie die Emanzipation des Mannes. Julius Putz aus Wildenreuth bei Erbendorf trägt gerne Mini-Rock - auch in der Öffentlichkeit. Die Reaktionen von anderen Menschen fallen da oft gemischt aus.

Julius Putz aus Wildenreuth trägt seit knapp acht Jahren auch Frauenkleidung und -schuhe.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Julius Putz ist 66 Jahre, Rentner, hat einen Schnauzer im Gesicht und trägt gern Mini-Rock. Für den Wildenreuther ist das ein Stück weit Freiheit und Gleichberechtigung. "Ich ziehe nicht das an, was mir von der Gesellschaft vorgegeben wird." Für ihn ist es ungerecht: "Frauen tragen doch auch Hosen und arbeiten inzwischen in Männerberufen, warum soll ein Mann keinen Rock tragen dürfen?"

Der Mini-Rock gefällt Julius Putz am Besten. In seinem Kleiderschrank hat er um die 50 davon. "Viele habe ich auf meine Länge mit der Nähmaschine gekürzt. Lange Röcke stehen mir nicht, da schau ich aus wie ein Butterfass", sagt er offen. Zudem hat er noch mehr Schuhe als Röcke, vermutet er. Darunter Stiefel, Pumps oder Sandalen - zum Teil auch mit hohen Absätzen. Das sei auch gut für seine Gesundheit, meint er.

Rock bequemer als Hose

Der ehemalige Schlossermeister hatte sieben Bandscheibenvorfälle und einen Wirbelbruch. "Die höheren Absätze entlasten meinen Rücken. Ich habe seither kein Hohlkreuz mehr und gehe gerader", sagt Putz. Das alles begann für ihn am 11. November 2010. "Zu einer Vereinsversammlung am Faschingsbeginn habe ich damals ein Römerkostüm angezogen." Bei dem Kostüm war auch ein Rock dabei. "Ich habe festgestellt, wie bequem das ist." So gab es unter anderem keine störende Naht, die an den Beinen rieb - wie bei einer Hose. Und: Er schwitzte nicht so stark.

Diese neuen, ungewohnten Vorteile arbeiteten in Putz' Gedanken und etwa ein Jahr später kaufte er sich seinen ersten Rock und zeigte sich kurz darauf damit in der Öffentlichkeit. "Ich bin in ein Geschäft, wo mich keiner kannte. Trotzdem saß ich zuvor rund zehn Minuten im Auto, bis ich mich traute hinein zugehen." Danach machte ihm es nichts mehr aus und er integrierte die neuen Kleidungsstücke in seinen Alltag.

Sandalen, Pumps, Röcke und Strumpfhosen - all das trägt Julius Putz in seinem Alltag.

"Ich fühle mich so wohl"

Für Julius Putz ist es wichtig, dass sein Outfit modisch abgestimmt ist. "Zu einem Rock schauen eine Strumpfhose und Schuhe mit Absätzen einfach schön aus. Da kann ich keine Herrenschuhe dazu anziehen." Seine Zehennägel hat er in blau, grün und rot lackiert. "Mir gefällt es, wenn es verschiedene Farben sind." Dazu trägt er Pullover, T-Shirts, Jacken oder Schmuck für Männer. Auch sein Haar- und Bartschnitt sind der Männermode zuzuordnen. Von sich selbst sagt er, er sei ein Zwitterwesen: "Oben bin ich Mann, unten bin ich Frau." Heute ist es für den 66-Jährigen normal, sich auf diese Weise zu kleiden. "Ich fühle mich so wohl."

"Man muss sich trauen"

Dass er seinen Kleidungsstil verändert hat, bereut er nicht. Auch an Allerheiligen war er mit Mini-Rock am Friedhof. Obwohl er sonst niemanden in der Region kennt, der als Mann Frauenkleidung trägt, ist er sich sicher: "Den meisten fehlt einfach der Mut dazu. Man muss sich einfach trauen." Doch wie reagieren andere auf seinen außergewöhnlichen Kleidungsstil? "Meiner Frau war es anfangs nicht so recht. Doch wenn sie gesagt hätte: 'So gehst du nicht auf die Straße!', hätte ich meine Koffer gepackt und wäre gegangen." Mit seiner Frau hat er fünf Kinder - zwei davon haben inzwischen den Kontakt zu ihm komplett abgebrochen. "Das ist schon hart", sagt er.

Julius Putz hat eine stolze Schuhsammlung - darunter Pumps, Stiefel oder Sandalen.

Gemischte Reaktionen

Unter Freunden und Bekannten waren die Reaktionen gemischt. "Manche haben ganz normal reagiert, die sprechen mit mir auch auf der Straße, ohne sich zu schämen. Andere verstehen es nicht, da will es in den Kopf nicht rein." Wenn er anderen Leuten auf der Straße begegnet, fragt ihn keiner, warum er Frauenkleidung trägt. Es werde viel hinten herum getuschelt.

"Manche denken, ich wäre homosexuell oder ich wäre lieber eine Frau. Aber das stimmt nicht." Andere fragten ihn: "Warum trägst du keinen Schottenrock?" Darauf antwortet er: "Ich bin doch kein Schotte." Mittlerweile hat sich Putz damit abgefunden, dass nicht jeder positiv auf seinen Kleidungsstil reagiert. "Wem es nicht passt, der soll wegschauen." Aber: "Es geht darum, wie ich mich fühle, und nicht um das, was andere denken."

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