10.11.2019 - 22:20 Uhr
MünchenSport

Münchener Metamorphose

Der 9. November 2019 wird es nicht in die Liste bedeutender national- oder welthistorischer Ereignisse schaffen. Doch im Rückblick könnte dieses Datum für den FC Bayern irgendwann als Zäsur markiert werden.

Die Spieler des FC Bayern München ließen sich nach dem überzeugenden 4:0-Sieg gegen Borussia Dortmund von ihren Anhängern feiern.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Im Vorfeld predigten die Dortmunder nach den Klatschen der vergangenen Jahre (3:22 Tore aus den letzten fünf Gastspielen in München), sich diesmal mit "Männerfußball" in der Allianz-Arena dem FC Bayern entgegenstellen zu wollen. Nach desaströsen 90 Minuten und der nächsten 0:4-Abfuhr musste ein richtig mies gelaunter BVB-Sportdirektor Michael Zorc in der Mixed-Zone konstatieren: "Das war heute überhaupt kein Fußball." Mit vier Gegentreffern von Robert Lewandowski (2), Serge Gnabry sowie einem Eigentor des Ex-Bayern Mats Hummels war die Elf von Trainer Lucien Favre noch gut bedient. "Ich habe nur eine Mannschaft gesehen, die Männerfußball gespielt hat", wollte sich Thomas Müller einen kleinen verbalen Konter auf das Dortmunder Vorgeplänkel nicht verkneifen - und er konnte sich das besten Gewissens erlauben. Die Bayern lieferten ihr bestes Spiel ab - man ist fast geneigt zu sagen seit Pep Guardiola. Interimstrainer Hansi Flick ließ seine Truppe ungemein hoch attackieren, und zwar mit einer Galligkeit und Aggressivität, dass den technisch hoch veranlagten, aber komplett körperlos auftretenden BVB-Bürschchen "keine Luft zum Atmen blieb", wie es der gesten- und wortreiche Anführer Müller formulierte. Mittelfeld-Terrier Joshua Kimmich ergänzte: "Das macht natürlich mehr Spaß, den Gegner früh zu stressen und Ballgewinne nah am gegnerischen Tor zu haben, anstatt sich ständig an den eigenen Strafraum zurückzuziehen."

Der Spielbericht des Bundesliga-Gipfeltreffens

München

Und so marschierte auch die bayerische Führungsriege mit wieder im "Mia-san-mia"-Format geschwellter Brust in der Mixed-Zone auf und gab sich siegestrunken auskunftsfreudig. Den Anfang machte Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge, der sogleich die Trainerdiskussion für beendet erklärte: "Wir werden mit Hansi Flick bis auf weiteres arbeiten. Er hat vor dem Spiel gesagt, die zwei Spiele sind jetzt erst mal die Ziellinie. Die Ziellinie hat er heute, würde ich sagen, bravourös überschritten. Und jetzt werden wir in aller Ruhe mit ihm weitermachen." Man könne davon ausgehen, dass Flick auch in Düsseldorf nach der Länderspielpause auf der Bank sitzen werde. Zwar sprach der Nachfolger von Niko Kovac auffallend in der Vergangenheit über seine Zeit als Chefcoach des FC Bayern ("Es war für mich selbstverständlich, für diese zwei Spiele einzuspringen. Ich habe noch einen Vertrag als Co-Trainer bis 2021"). Doch so geschlossen wie sich Robert Lewandowski, Kimmich, Müller und Co. nach der BVB-Demontage für eine weitere Zusammenarbeit mit dem "Menschenfänger Flick" (O-Ton Manuel Neuer) stark machten, erscheint eine externe Übergangslösung bis zum Sommer nicht realistisch. Dies betonte auch Präsident Uli Hoeneß auf seiner Abschiedsrunde durch die Journalistenschar. Am Freitag tritt Hoeneß auf der Jahreshauptversammlung als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender ab. "Eines ist doch klar: Nach so einer überragenden Woche mit zwei überzeugenden Siegen kann man doch nicht sagen, den Hansi Flick schicken wir jetzt erst mal wieder weg und holen irgendeinen, der vielleicht nur ein paar Monate arbeiten kann", plädierte der scheidende Präsident erst in der Mixed-Zone und später im ZDF-Sportstudio für Flick als Chefcoach. Und wenn Löws Weltmeister-Co von 2014 weiterhin derartige Leistungen abrufen lässt, ist es nicht mehr völlig unvorstellbar, dass aus Übergangs-Hansi ein Dauer-Hans-Dieter wird.

Hintergrund:

Uli Hoeneß: "Strömungen" gegen Niko Kovac

Nach der Bayern-Gala waberte am Samstagabend die Frage durch die Allianz-Arena, wie diese plötzliche Leistungsexplosion der Bayern möglich war. Seit der 1:5-Klatsche in Frankfurt, der Entlassung von Trainer Niko Kovac und dem Zwischenschritt Olympiakos Piräus (2:0) in der Champions-League war weniger als eine Woche vergangen. Sollten die Bayern-Stars tatsächlich gegen Kovac gespielt haben? Hoeneß deutete dies im ZDF-Sportstudio an: „Es hat sicherlich Strömungen innerhalb der Mannschaft gegeben, die den Trainer weg haben wollten. Deswegen hat die Führung entsprechend reagiert.“ Derartige „Strömungen“ müssten eigentlich zwingend die Charakterfrage innerhalb des Kaders nach sich ziehen. Oder hat es Flick in nur drei Trainingseinheiten tatsächlich geschafft, sofort an den richtigen Stellschrauben zu drehen, um aus pomadig, gehemmt und lethargisch dahinsiechenden Solisten wieder eine entfesselt, spielfreudig und druckvoll brillierende Einheit zu formen? Eine Antwort könnte es am nächsten Spieltag geben: Flick kann Höhepunkt-Spiele in der Königsklasse und der Liga. Bei Fortuna Düsseldorf wartet jetzt aber der graue Ligaalltag an einem tristen November-Samstag. Da wäre alles andere als ein klarer Sieg des Münchener Starensembles wieder ein Rückschlag

Die Dortmunder hatten am Samstagabend in München nicht nur kaum eine Torchance, sie zogen auch in den Zweikämpfen zumeist den Kürzeren. In dieser Szene hat Achraf Hakimi (Mitte) gegen Joshua Kimmich (rechts) und David Alaba das Nachsehen.
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