14.02.2020 - 10:28 Uhr
Dießfurt bei PressathOTon

Straight outta Dießfurt: Rapper zwischen Liebe und Joints

Nico Reyes und Julian Ulbricht haben das Label RFT Music gegründet. Der eine rappt vor allem über Liebe und Beziehungen, der andere über Joints und Crystal Meth. Ein Besuch im Tonstudio in Dießfurt.

von Julian Trager Kontakt Profil

Die Bude bietet nicht viel Platz, ist nicht viel größer als eine Gefängniszelle. An der Holzwand kleben Schalldämmer aus schwarzem Schaumstoff, sie lassen den Raum noch kleiner wirken, als er ohnehin ist. Vier Stühle stehen da, zwei Tische, im Hintergrund ein dickes Mikrofon. Mehr passt nicht rein. Egal, das reicht. Die Bude ist der Ort, der vier jungen Oberpfälzern die Tür für die große, weite Musikwelt öffnen soll.

Nico Reyes, sein Bruder Antonio, Julian Ulbricht und Alana Rauch haben vor etwa einem Jahr ihr eigenes Musik-Label gegründet, RFT Music. Vier Freunde, die alle aus der Gegend um Dießfurt (Kreis Neustadt/WN) stammen, sich schon seit Kindheitstagen kennen und von denen jeder etwas anderes kann. „Wir pushen uns gegenseitig“, sagt Ulbricht. „Zusammen können wir mehr erreichen.“ Ulbricht und Nico Reyes sind Rapper, Rauch die „Stimme für die breite Masse“, wie die Jungs sagen. Antonio Reyes kümmert sich im Hintergrund um die Technik.

Spiel mit den Grenzen

Julian Ulbricht nennt sich Flavour. Der 26-jährige Schwarzenbacher rappt seit zwölf Jahren. Groß geworden ist er mit Sido, sein Vorbild und einer der Aggro-Berlin-Jungs, die Anfang der 2000er den deutschen Hip-Hop entjungferten, der bis dahin von den Fantastischen Vier oder Fettes Brot mit ihren weichen und lustigen Texten geprägt war. Dann übernahmen die Gangsta-Rapper aus der Hauptstadt. Die Texte wurden härter, es ging um Beleidigungen, Gewalt, Sex und Drogen. Themen, über die auch Ulbricht rappt. In seinen selbstgeschriebenen Songs heißt es: „Ich will einfach nur zieh‘n, high sein und fliegen.“ Oder: „Ich hab‘ gekifft, jeden Tag und so.“ Oder: „Drogen lassen mich vergessen.“ Andere Zeilen sind noch viel härter.

Warum? „Das hat mit meiner Vergangenheit zu tun“, sagt der 26-Jährige. „Ich war früher schon ein Rabauke“, sagt Ulbricht und grinst. Geschichte, mittlerweile habe er sich geändert, sei erwachsen geworden. Er hat jetzt eine Familie, zwei Kinder. „Ich habe schon meine Sachen gemacht, aber wichtig ist, aus den Fehlern zu lernen“, sagt Ulbricht. „Ich verarbeite das jetzt in meinen Songs.“

Flavour - Anders

Natürlich ist das Musikgeschäft auch ein Showbusiness. Es geht darum, Klischees zu bedienen. Viele Rapper spielen mit einer harten Vergangenheit – oft steckt wenig dahinter. Bei Ulbricht ist das nicht so, sagt er: „Ich hab‘ die Scheiße erlebt.“ Zumindest das, was die Drogen angeht. „Einen umgebracht habe ich noch nicht“, sagt er und lacht. Er spielt auf ein Lied an, in dem er sich mit dem Serienmörder „Jigsaw“ vergleicht. „Das ist natürlich ein Spiel“, sagt Ulbricht. Grenzen austesten, provozieren.

Im Tonstudio von RFT Music

Im vergangenen Sommer ist das kleine Tonstudio in Dießfurt, früher eine Schmiede, fertig geworden. „Wir haben fast alles selber gemacht“, sagt Nico Reyes, der gleich nebenan wohnt. Der Opa habe auch geholfen. Etwa 5000 Euro haben sie investiert. Ein Batzen Geld für vier junge Menschen, für die Musik nur eine Leidenschaft ist.

Wer in dieser Branche Fuß fassen will, braucht einen dicken Geldbeutel oder einen Sponsor. Ein fremdes Studio mieten, koste mindestens 200 Euro pro Stunde, erklärt Ulbricht. Ein Videodreh 600 Euro. „Und das sind noch die preiswerteren Leute.“ Deshalb das eigene Studio. Die Gruppe will unabhängig sein. „Wir wollen unser Ding machen“, sagt Ulbricht. Das klappt schon ganz gut, finden die vier. „Wir haben unseren Sound mega gesteigert“, meint Ulbricht. Man brauche sich ja nur mal die ersten Songs anhören. Antonio Reyes sitzt vor dem Laptop, spielt ein altes Lied seines Bruders ab. Die vier lachen. Nico Reyes zuckt mit den Schultern. Naja, jeder fängt mal klein an.

Mittlerweile hört sich das viel professioneller an. „Wir sind gut geworden, das macht uns schon stolz“, sagt Ulbricht. Messbare Zahlen liefert bisher nur das Internet. Auf Instagram folgen ihnen - die privaten Profile mit eingerechnet - knapp 4000 Abonnenten. Auf Youtube ist die Abonnentenzahl noch überschaubar. Aber sie steigt, genau wie die Anzahl der Clicks. „Es ist schwer, sich durchzusetzen“, sagt Ulbricht. „Aber der Markt ist ja riesengroß. Jeden Tag steht ein Künstler auf, der entdeckt wird.“

„Musik war meine Therapie“

Nico Reyes nennt sich Reysl, er rappt seit fünf Jahren. „Ich habe angefangen, als es mir persönlich ziemlich mies ging. Als ich Scheiße gebaut habe“, sagt der 22-jährige Dießfurter. Er hatte damals viele Probleme. „Die Musik war meine Therapie.“ In seinen Liedern geht es vor allem um Beziehungen. Liebe, Trennung, Schmerz. Er hat aber auch schon einen Promo-Song für das Berufliche Förderzentrum Weiden gemacht.

Reysl feat. Alana Rauch - Aus & Vorbei

Reyes arbeitet oft mit Alana Rauch zusammen, seiner besten Freundin. „Sie ist unser Sechser im Lotto“, sagt der Rapper. „Das Herz der Gruppe.“ Rauch ist Schülerin am Elly-Heuß-Gymnasium. Die 17-Jährige singt, seitdem sie klein ist. „Musik ist meine Leidenschaft“, erzählt sie. Bisher begleitet sie die Rapsongs als Sängerin, als „die Stimme fürs Radio“, sagt Reyes.

Irgendwann wollen die vier mit ihren Liedern auch dort, also im Radio, gespielt werden. „2020 werden wir mehr solche Sachen machen“, also weniger harte Texte, sagt Ulbricht. Für den 26-Jährigen begann das Jahr gut, sein zweites Album „Vibes“ ist gerade erst erschienen. Bald soll‘s die erste Reysl-Platte geben. Und auch Alana Rauch möchte eigene Lieder aufnehmen. Das kleine Tonstudio in Dießfurt, es wird noch öfter gut gefüllt sein.

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